Die Werft – Juan Carlos Onetti

Die Werft (Original: El Astillero)[1] von Juan Carlos Onetti ist das dritte lateinamerikanische Werk, das ich euch vorstellen möchte. Es steht mit Zama wartet und Pedro Páramo in einer Reihe der Bücher zu Imaginären Orten auf dem südamerikanischen Kontinent. Die Werft ist der zweite Teil einer Trilogie über den Arbeiter Larsen, dessen Leben bereits im ersten Teil Juntacadáveres beschrieben wird. Damit fällt dieses Buch etwas aus der Reihe. Normalerweise würde ich euch zunächst über den ersten Teil einer Geschichte berichten, allerdings sehe ich hier gerade den zweiten Teil als den interessanten an, der uns mehr mehr über Lateinamerika verraten kann.

Zum Inhaltel astillero

Wir begeben uns in das fiktive Örtchen Santa Maria und den nahegelegenen Werfthafen. Larsen ist dorthin zurückgekehrt und keiner der Bewohner hat noch einmal damit gerechnet, diesen Mann, der doch vom Stadthalter des Ortes verwiesen wurde, noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Doch da ist er nun und er findet sogleich wieder Arbeit in der nahegelegenen Werft. Sofern man dieses verlassene Gelände, das er wieder auf Vordermann bringen soll, noch Werft nennen kann. Denn viel ist da nicht mehr außer ein paar verlassenen Gebäuden mit zersplitterten Fenstern und aufgebrochenen Türen. Larsen wird Leiter der Werft, merkt jedoch bald, dass sein Job aussichtslos ist. Es gibt keine Aufträge mehr, alles liegt in Ruinen. Auch seine Bezahlung bleibt aus. Wider besseres Wissen bleibt er und hofft darauf, dass er alles wieder erneuern kann. Denn die versprochene Bezahlung ist gut und außerdem hofft er auf eine Ehe mit der Tochter des Werftbesitzers, Angelica Inés, einer reichen, wenn auch geistig verwirrten Frau. Gleichzeitig sehnt er sich nach Liebe. Doch auch die anderen Frauen in seinem Umfeld können ihm nicht helfen: Inés ist geistig zu abwesend, ihre Bedienstete Josefina ist lediglich auf ein sexuelles Verhältnis aus und dann ist da noch die Frau von Galvez, einem Mitarbeiter in der Werft. Sie ist hochschwanger und kann ihm ebenfalls nicht seine Bedürfnisse erfüllen.

Als Larsen von den korrupten Machenschaften des Werftbesitzers erfährt ist er schockiert. Zunächst jedoch will er nichts dagegen tun, da er noch immer auf bessere Verhältnisse hofft. Als auch diese Hoffnung sich ins Nichts auflöst, macht er mit den Angestellten Galvez und Kunz gemeinsame Sache. Sie veräußern alles, was noch in der Werft ist, und klagen anschließend den Werftbesitzer der Korruption an. Doch am Ende stehen sie alle wieder mit leeren Händen da.

Meine Leseerfahrung

Die Werft war das am schwierigsten zu lesende Buch, das ich bisher auf spanisch gelesen habe. Die Beschreibungen sind derart detailliert und bildlich, dass ich häufig Wörter nachschlagen musste. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als wesentliche Teile auch nochmal in der Übersetzung zu lesen. Durch die schillernden, geradezu deprimierenden Beschreibungen stellte sich mir immer wieder die Frage: Wie baut man etwas auf, das derart in Ruinen liegt? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit? Die Werft steht stellvertretend für ein Land, oder eigentlich für alle lateinamerikanischen Länder, das sich gerade hartnäckig seine Unabhängigkeit erkämpft hat und nun vor dem Ruin steht. Die Techniken sind veraltet, die Materialien spröde, die Aufträge bleiben aus. Das Misstrauen der Geschäftspartner ist groß, denn niemand weiß, was er von dieser Werft halten kann. Kann sie sich wirklich noch einmal ohne Hilfe aufrichten und in neuer Größe erstrahlen? Onetti lässt daran zweifeln, er beschreibt aber auch den Kämpfergeist und den unerschütterlichen Mut von den Südamerikanern, wie ich sie kennengelernt habe: Dort gibt man nicht einfach auf, dort macht man einfach. Selbst wenn alle sagen, dass nichts mehr geht!

Die Werft spielt Anfang der 1930er Jahre und ist damit zeitlich am modernsten von den drei vorgestellten Werken. Wer dieses Buch liest, bekommt sicherlich einen guten Einblick, wie es zur Zeit der Wirtschaftskrise in der Neuen Welt aussah, auch wenn die Werft nur als Sinnbild zu verstehen ist. Da die Sprache allerdings so schwer ist, gibt es auch diesmal keine klare Leseempfehlung.

1) gelesen auf Spanisch
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