Das Land, dessen Sprache ich nicht sprach

„Du hast so viele Leben wie du Sprachen sprichst.“

Schon Johann Wolfgang von Goethe stellte das fest und mir ging es in den letzten Jahren nicht anders. Sprachen eröffnen den Weg in eine fremde Kultur so gut wie nichts anderes in der Welt. Klar, Musik, Gesten, Mimik – all das können wir deuten, aber all das kann auch so unterschiedlich zu unserer eigenen Kultur sein, dass wir keinen rechten Zugang dazu finden. Am Ende ist und bleibt es eben die Sprache, die uns schlauer macht.

Seit ihr schon mal in ein fremdes Land gereist, völlig auf euch allein gestellt, und habt kein Wort der dortigen Sprache verstanden? Das kann ein ganz schönes Abenteuer sein!
Am Flughafen oder Bahnhof angekommen wird man vermutlich auf der ganzen Welt noch Menschen finden, die Englisch sprechen und mit denen man sich mehr oder weniger gut noch verständigen kann. Das reicht für den ersten Geldwechsel und die Information, wie man am besten zur (geplanten) Unterkunft kommt. Doch gleichzeitig fangen hier auch die ersten Unsicherheiten an: Wurde ich wirklich verstanden? Hat die Frau an der Information mir auch tatsächlich den richtigen Weg beschrieben? Oder hat jemand versucht, mich aufs Ohr zu hauen?

Und kaum verlässt man das Gebäude, ist man heillos verloren: Überall Geschnatter von Menschen, die sich fröhlich unterhalten, aber man selbst versteht rein gar nichts. Fremde Klänge, ungewohnte Buchstabenkombinationen, alles sieht falsch aus. Dazu kommt der unverwechselbare Geruch einer anderen Kultur. Ja, ganz richtig, man riecht es förmlich, dass man in einem fremden Land ist – ein Geruch, der einem später entweder verhasst oder geliebt ist, je nachdem, ob man lernt sich zurechtzufinden. Die Angst ist komplett, wenn man im Taxi sitzt, Straßenschilder nicht lesen kann und sich verzweifelt fragt, ob der Taxifahrer einen auch an das gewünschte Ziel fährt oder in einer abgelegenen Ecke umbringen will. Wer weiß, was in dem Land so alles Sitte ist… Es kann natürlich sein, dass ich extrem überreagiert habe, immerhin hatte ich einen dreizehn Stunden langen Flug hinter mir und kein Auge zugetan, aber ich in dem Moment, als ich in Buenos Aires zum ersten Mal das Taxi genommen hatte und durch Viertel gefahren bin, die man sich in Europa nicht vorstellen kann, hatte ich Panik. Extreme Panik. Und war umso erleichterter, als wir endlich in einem anderen Stadtteil ankamen und alles ziviler zuging.

Natürlich kann man Informationen über jedes Land einholen, das man bereist. Sitten und Traditionen, aber auch Verhaltensweisen, die besser vermieden werden, lassen sich in Reiseführern und Reiseberichten nachlesen. Aber  nicht alles Wissen kommt aus der Theorie. Manches muss man einfach selbst erleben: Die heruntergekommenen Häuser, der Lärm auf den Straßen selbst mitten in der Nacht, die Bereitschaft zu Demonstrationen zu jeder Tages- und Nachtzeit. All das kann einfach Angst einjagen.

Aber nicht alles, was Angst einjagt ist schlecht. Jeden Tag mit einem Vokabelheft unterwegs sein, jedes Wort, das irgendwo geschrieben steht notieren und nachschlagen, falls man es nicht aus dem Kontext versteht – das lohnt sich. Der freude Blick des Bäckers, wenn man etwas in der Landessprache bestellt. Das zufriedene Lächeln des Busfahrers, wenn man sich in dem seltsamen Bezahlsystem zurechtfindet. Die hilfsbereiten Damen auf dem Markt, die einem den Weg erklären. Je mehr man sich bemüht, umso mehr trifft man auch auf Hilfe. Egal ob in Tschechien, Argentinien oder Japan – die Menschen sind eben doch überall gleich. Wer freut sich denn nicht, wenn sich sein Gegenüber bemüht? Selbst, wenn man sich nur mit Händen und Füßen verständigen kann, selbst ein freundliches „приве́т!“ (russ., gesprochen „Priwett“: Hallo!) kann schon für Begeisterung sorgen. Eigentlich muss man sich nur bemühen und ein bisschen Vertrauen haben. Und am Ende steht man vielleicht in einem Buchladen oder einer Videothek und stellt fest, dass es dort die gleichen Bücher und Filme wie in der eigenen Heimat gibt – nur eben in einer anderen Sprache. Und plötzlich fühlt man sich ein bisschen wie zuhause, denn da ist Altbekanntes.

Sonnenuntergang

Und am Ende ist es auch genau dieses Vertrauen, das belohnt wird – sofern der Taxifahrer nicht doch etwas Anderes vorhatte, als einen an das gewünschte Ziel zu fahren. Schwierigkeiten kann es immer geben. Aber sind wir nicht alle Menschen mit den gleichen Ängsten und Sorgen? Wenn wir genau das im Hinterkopf haben und unseren Mitmenschen offen und freundlich gegenüber treten, ist die Wahrscheinlichkeit doch viel größer, dass wir für unser Vertrauen belohnt werden. Und dann, nur wenn wir uns nicht all dem Neuen verschließen, kann aus einem fremden Land auch ein Zuhause werden. Ein Land, dass wir vermissen, wenn wir wieder abreisen müssen. Ein Land, in das wir uns zurücksehen, wenn Jahre vergangen sind. Eines, dass wir aber nur dann schmerzlich zurückwünschen, wenn wir im nächsten Land nicht genauso offen sind. Am Ende ist man eines: In der Welt zuhaus.

Wie seht ihr das? Habt ihr schon gegenteilige Erfahrungen gemacht? Oder ging es euch bisher immer genauso?

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1 Kommentar zu „Das Land, dessen Sprache ich nicht sprach“

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