Die Brückenbauer

Letzte Woche wurde es etwas still hier. Das lag einerseits an dem gruselig wechselhaften Wetter, dass mich nicht gerade motivieren konnte, das Bett zu verlassen und andererseits an dem absolut plausiblen Grund wegen Die Brückenbauer einfach liegen zu bleiben und zu lesen.

Dieses wunderbare Buch war, wenn ich mich richtig erinnere, ein weiterer Frustkauf, der deshalb vielleicht auch erst einmal ein paar Monate auf meinem Stapel ungelesener Bücher landete und in Vergessenheit geriet. Neulich war mir dann plötzlich danach.Jan Guillou ist für seine seine Reihe Die Kreuzritter in Schweden bereits ein gefeierter Autor für Historienromane. Mit Die Brückenbauer erzählt er nun die Geschichte dreier Brüder, die auf einer kleinen Insel in Norwegen geboren werden und durch ein Unglück ihren Vater verlieren. Doch das Schicksal meint es gut mit ihnen und so erhalten sie Stipendien für erstklassige Schulen und schließlich ein Ingenieursstudium an der Technischen Universität Dresden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eine der weltbesten Universitäten galt. Die Brüder sollen anschließend den Eisenbahnbau an der Hardangervidda in Norwegen weiter vorantreiben, doch nur Lauritz, der älteste von ihnen, Brückenbauerhält sich an die Absprache mit der Stiftung, die ihre Ausbildung finanziert hat. Oscar verschlägt es stattdessen nach Afrika, um dort Eisenbahnen für die deutsche Kolonie zu bauen, während Sverre nach London zieht.

Abwechselnd erzählt das Buch die Höhen und Tiefen von Oscars und Lauritz‘ Leben. Immer wieder wechselt damit der Schauplatz vom kalten Norwegen und gefährlichen Schneestürmen ins heiße Afrika mit seinen Löwen und Elefanten und anschließend wieder zurück. Manchmal habe ich dabei vergessen, dass ich alles nur gelesen habe, denn beim Blick aus dem Fenster tobte auch dort ein Sturm. Umso glücklicher war ich, wenn ich dann wieder von der Hitze auf dem anderen Kontinent lesen durfte.

Ich bin kein großer Fan von Historienromanen. Viel zu oft sind sie schlecht recherchiert oder unglaublich geschildert und das wirkliche Leben kann einfach nicht nachempfunden werden. In diesem Buch allerdings ging es mir nur einmal so, dass ich mich etwas vor den Kopf gestoßen fühlte, und das war nicht aufgrund der schlechten Recherche, sondern eher, weil ich überrascht war, mit wie viel Fingerspitzengefühl Guillou Veränderungen in der Mode und der Architektur beschrieb, ohne sie historisch erklären zu wollen.

Eine angenehme Mischung aus Rückblenden, Ellipsen und Zeitraffungen machte das Lesen dieser langen Zeitspanne durchaus angenehm. Anfänglich war ich noch über den berichtenden Stil erstaunt, der so vollkommen jede aktive Handlung vermissen ließ und eher an eine Chronik erinnerte. Das verlor sich aber, nachdem die kurze Vorgeschichte zum Erhalt des Stipendiums der Jungen erzählt worden war und Guillou mit  der eigentlichen Handlung seit dem erfolgreichen Abschluss der Universität beginnen konnte. Dennoch wird es vermutlich für viele Leser entscheidend sein, dass viele Abschnitte im Buch eher wie ein Bericht beschrieben sind und aktive Dramaturgie vermissen lassen. Das mildert zwar nicht die Faszination für das Thema Ingenieurswesen, mag bei manchem aber etwas Langeweile aufkommen lassen. Guillou ist eben kein Ken Follett, der jede Geschichte lebendig erzählt. Vielmehr lässt er sie eben genau das sein, was sie ist: Historie.

Bergen, Tyskebryggen
Blick auf die Tyskebryggen in Bergen, ca. 1890 Hier sollte sich das Schicksal der drei Jungen offenbaren.

Unsicher bin ich etwas über die Charaktere selbst. Guillou gibt an, einige von ihnen aus Berichten der damaligen Zeit etnommen zu haben, was vermutlich erklärt, warum die Personen etwas flach wirkten. Sie waren nicht „tot“ oder unglaubwürdig, wie das in anderen Büchern oft der Fall ist, ihnen fehlte aber entscheidend an den kleinen Details, die sie voneinander unterscheidbar machte. Macken, die man nur ihnen zuordnen konnte und die sie unverwechselbar für jeden Bekannten machten. Auch habe ich das ehrliche Gefühl gehabt, dass er sich nicht in die Rolle einer Mutter hineinversetzen kann, was bei einem Mann aber auch einigermaßen nachvollziehbar ist. Was die Charaktere betrifft, klage ich also alles in allem auf sehr sehr hohem Niveau.

Ein nicht weiter zu beachtendes Manko war und ist für mich das gänzliche Fehlen von Sverre. Dieser hat sich nach dem Studium mit seinem Geliebten nach London begeben und wurde von Lauritz und Oscar auf Grund seiner Homosexualität nicht weiter als Bruder angesehen. Daher ist die Informationslücke durchaus verständlich. Sverres Leben wurde deshalb getrennt von den beiden Brüdern in der Fortsetzung Die Brüder geschildert, die ich noch nicht gelesen habe, aber auf die ich nun sehr gespannt bin.

Nach dem Lesen des Buches ist es mir leichter verständlich, wie man sich für eine scheinbar öde Wissenschaft wie das Ingenieurswesen faszinieren kann und allein deswegen würde ich das Buch weiterempfehlen. Allerdings kann ich auch absolut nachvollziehen, wenn die genannten Charakteristika das Buch nicht jedem schmackhaft machen. Die Brückenbauer mag nicht herausragend sein. In meinen Augen ist das Buch aber sehr gut!

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1 Kommentar zu „Die Brückenbauer“

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