24. Dezember

„Ich glaube, ich muss einiges erklären“, beginnt Herr Hermann. Hinter ihm steht Peter und füllt Formulare für die Krankenschwester aus, die zuvor die Fragen des alten Mannes beantwortet hatte. „Mein Sohn Julius war noch die der richtige Mann für kluge Entscheidungen. Und seine Entscheidung, das Manuskript von ihrem Sohn zu stehlen, war wohl eine der dümmsten, die er je hatte. Ich kann vollkommen verstehen, wenn Sie nicht von einer Anzeige absehen können, aber ich bitte Sie, mich vorher anzuhören.

Julius war gerade zehn und hatte nichts als Flausen im Kopf, als seine Mutter durch ein Missgeschick ums Leben kam. Seitdem sucht er verzweifelt nach einem Schuldigen für dieses Unglück. Zwischenzeitlich war seine Wut auch mal auf mich gerichtet, aber irgendwann hat er sich einfach von mir abgewendet und den Kontakt verweigert. Er sieht sich als Rächer und glaubt felsenfest daran, dass er alle schlechten Menschen einfach umbringen müsse, um eine gute Welt zu schaffen. Eine naive Vorstellung, ich weiß.“ Klaus lächelt müde.

„Wie ist seine Mutter gestorben?“, frage ich neugierig.

Der Alte wirkt bekümmert. „Ach, das ist eine ganz verrückte Geschichte. Sie war zu Besuch bei einem Freund, einem Choleriker. Jemand, der ganz plötzlich Wutanfälle haben kann“, erklärt er, als er meinen fragenden Blick bemerkt. „Genau einen solchen Wutausbruch hatte dieser Freund und hat mit allem um sich geworfen, was gerade da war. Unglücklicherweise waren sie gerade beim Kochen, also flogen auch ein paar Messer. Eines davon hat meine Frau getroffen.“

„Das ist ja schrecklich!“, entfährt es meiner Mutter.

Klaus nickt. „Und dieser Freund wurde nicht einmal richtig bestraft. Es war ja ein Unfall. Julius hat sich deshalb in den Kopf gesetzt, andere – böse – Menschen auf genau solche Arten umzubringen und lauter Pläne gemacht. Aber keine Sorge!“, ruft er aus, als Markus erschrocken die Luft einzieht und Alina ihre Hand vor den Mund hält und einen Aufschrei unterdrückt. „Er hat immer nur diese Pläne gemacht. Die meiste Zeit hat er sich nicht einmal aus dem Haus getraut. Ich habe seine Ideen irgendwann gefunden und beschlossen einen Roman daraus zu machen. Als Ihr Sohn sich neulich verirrt hatte und mich nach dem Weg nach Hause gefragt hatte, habe ich ihm das Manuskript mitgegeben mit der Bitte, es doch mal zu lesen. Heute war er bei mir, um mir seine Meinung mitzuteilen. Und wenn ich es richtig verstehe, ist seine Schwester mitgekommen, um aufzupassen, dass ihm nichts passiert. Sehr lobenswert, wie ich meine. Man weiß ja nie, der Junge kennt mich ja nicht.“

„Ihr Sohn plant Morde?“, frage ich erstaunt, während meine Mutter mich anfunkelt.

„Du gehst einfach zu fremden Menschen in die Wohnung?“, richtet sie ihre Worte an mich. Ich blicke nur kurz zu ihr und zucke mit den Achseln, dann schaue ich wieder erwartungsvoll den alten Mann an.

„Ja, naja. Du hast seine Ideen ja gelesen. Funktionieren würde davon nicht ein einziger.“

„Ja, sie waren wirklich alle leicht bescheuert“, stimmt Klara zu.

„Aber wieso wollte er bei uns einbrechen und das Manuskript stehlen?“, mischt sich nun auch Markus in die Unterhaltung.

„Ach, der Dummkopf weiß ja gar nicht, was in dem Text steht. Er dachte sicherlich, ich hätte ihn als einen Mörder beschrieben. Dabei ist er das nicht. Wahrlich nicht. Meistens sitzt er ja doch nur zuhause und liest Bücher oder telefoniert mit seinem Mitarbeiter. Verflucht sei der Tag, an dem Julius im Lotto gewonnen hat. Seitdem hat er immer irgendeinen Trottel, der für ihn arbeitet, einkaufen geht und dies und jenes für ihn erledigt. Irgendwie kam er auch auf die Idee, diesen jemand dann vor meiner Wohnung zu postieren, um das Manuskript zu stehlen, bevor ich es veröffentliche. Er weiß, dass ich an Weihnachten damit fertig sein möchte. Pünktlich zum fünfundzwanzigsten Todestag meiner Frau. Ich weiß von diesen Lakaien, die er sich immer wieder sucht, und trotze ihm einen nach dem anderen ab, bis sie wieder eigene Wege gehen. Der gute Peter hier“, sagt er und zeigt auf den Mann, der für ihn noch immer die Formulare der Krankenschwester ausfüllt, „war sein neuester Angestellter.

„Das ist doch verrückt!“, spricht Markus aus, was wir vermutlich gerade alle denken. Selbst ich komme nicht umhin zu denken, dass das eine unglaubliche Geschichte ist.

Herr Hermann sieht uns traurig an. „Ich bitte nochmal vielmals um Entschuldigung!“

Alina und Markus nicken gleichzeitig. „Ich denke, wir bleiben in Kontakt. Noch ist diese Angelegenheit nicht erledigt, aber ich möchte meine Familie nun gerne nach Hause begleiten. Es war ein langer Tag.“, sagt Markus.

Klaus Hermann nickt. „Ich wünsche Ihnen ein paar ruhige Festtage!“

Markus nickt. „Ihnen auch Frohe Weihnachten!“ Er nimmt Klara bei der Hand und führt meine Mutter aus dem Wartesaal. Meine Mutter dreht sich noch zu mir und hält mir die Hand hin, die ich erleichtert ergreife, glücklich, dass sie mir anscheinend nicht böse ist.

 

Ein paar Minuten später betritt Klaus das Krankenzimmer, in dem sein Sohn mit zahlreichen Schnittwunden und einem Schädel-Hirn-Trauma liegt. „Mein lieber Sohn“, begrüßt er ihn tonlos.

„Vater.“

„Du bist wirklich ein Idiot! Beinahe wäre alles aufgeflogen. Wie kannst du nur glauben, ich würde mein eigen Fleisch und Blut verraten?“

Julius zuckt mit den Achseln, um im nächsten Moment das Gesicht vor Schmerz zu verzerren. „Ich konnte doch nicht wissen, was in dem Buch stehen würde.“

„Mit Sicherheit nicht, was für ein großer Vollidiot du bist. Ich will doch nicht, dass mein einziger Sohn im Gefängnis landet!“

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