20. Dezember

„Was soll das heißen, dass sie beide in der Schule übernachten? Ich weiß von keiner Lesenacht!“ Alina knallt den Topf, den sie gerade aus dem Schrank geholt hat, auf die Herdplatte. Wütend dreht sie sich zu ihrem Mann um und funkelt ihn an. „Du hättest mich fragen müssen, bevor du ja gesagt hättest.“

„Hättest du Benni etwa nicht gehen lassen? Natürlich kann Klara zu einem Leseabend in ihrer Schule. Es wäre nicht fair nur einen der beiden gehen zu lassen.“

„Benni ist MEIN Sohn!“

„Und das zweifelt hier keiner an.“ Markus setzt sich niedergeschlagen auf die Eckbank in der Küche. „Die beiden verstehen sich momentan so gut. Ich habe mich gefreut, dass er etwas mit Klara unternehmen wollte.“

In der Stille, die auf diese Worte folgen, ist nur das Ticken der Uhr zu hören. Schließlich atmet Alina tief durch, den Blick auf die Zwiebel gerichtet, die sie gerade schneiden wollte. „Ich weiß. Es ist nur so schwer. Er hatte nie Geheimnisse vor mir. Ich verstehe das einfach nicht.“ Mit dem Messer in der Hand steht sie da, die Augen glänzen. Markus tritt zu ihr und legt einen Arm um ihre Schulter.

„Komm, lass uns lieber einen Film schauen. Ich glaube, heute kommt dieser Film über einen Bären, der an der Londoner U-Bahn ausgesetzt wird und nach der Station benannt wird. Wie hieß der noch gleich?“

Alinas Mundwinkel zucken. „Paddington.“

„Genau. Genau der. Komm, lass uns den anschauen!“ Markus sieht, wie sich ein Lächeln auf den Lippen seiner Frau ausbreitet, und zieht sie langsam zu sich heran, um sie zu küssen.

Aus der Küche dringt ein Scheppern an Markus‘ Ohr. Verwirrt zuckt er zusammen und blickt sich um. Alina liegt in seinem Arm und döst vor sich hin, eine Wolldecke über sich ausgebreitet. Langsam kehrt die Erinnerung zu Markus zurück. Klar, sie waren während dem Film irgendwann eingeschlafen. Aber was war das für ein Geräusch?

Vorsichtig löst er sich von seiner Frau und legt ihren Kopf behutsam auf ein Kissen. Langsam, noch etwas orientierungslos, läuft er in Richtung Küche. Als ein erneutes Scheppern zu hören ist, zuckt er zusammen. Unsicher schaut er nach einer Art Waffe, doch er sieht nichts Brauchbares in seiner Reichweite. Sich auf die Unterlippe beißend schleicht er an der Wand entlang zur Küche. Ein Blick in den kleinen Raum genügt ihm, um zu sehen, was vor sich geht.

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