17. Dezember

„Ach nichts, Papa!“
Klara schnappt sich ein paar Papiere und schiebt sie schnell zur Seite, doch Markus ist schneller. Bevor wir reagieren können, hat er sich schon ein Blatt geschnappt und fängt an zu lesen. Ich sehe, wie sich seine Stirn in Runzeln legt.
„Wo habt ihr das her?“
Klara schaut fragend zu mir. Ich beiße mir auf die Unterlippe und schweige. Markus schaut mich an, bis ich seinem Blick ausweiche.
„Benni, ich möchte mich nicht wie dein Vater aufspielen. Ist mir schon klar, dass du nicht auf mich hören wirst. Aber das hier ist nicht dein Schreibstil und schon gar nicht Klaras. Wo habt ihr diesen Text her?“
„Aus der Bibliothek“, lüge ich.
„Aus der Bibliothek?“ Markus blickt abwechselnd zu mir und zu seiner Tochter. „Seit wann bekommt man lose Blätter in der Bibliothek?“ Klaras Vater wendet sich ab und liest weiter in dem Text. Ich kann an seinem Gesichtsausdruck ablesen, an welcher Stelle er gerade ist. Am Ende verzieht er das Gesicht. „Nicht gerade eine jugendfreie Geschichte“, stellt er nüchtern fest. „Klara, wo habt ihr diesen Text her?“
Warnend schaue ich zu meiner Stiefschwester und weiß doch schon, dass sie ihrem Vater die Wahrheit sagen wird. So war es immer. Immer musste sie mich verraten. Mädchen sollte man einfach nicht trauen!
„Naja, also…“, druckst sie zunächst noch herum. „Benni hatte den Text schon, als ich zu ihm gekommen bin. Ich weiß ja nicht genau….“
„Klara?“
„Also….“ Klara schaut unsicher zu mir herüber, sieht, wie ich leicht mit dem Kopf schüttele. Entschuldigend zuckt sie mit den Achseln. „Er hat die Geschichte von so einem alten Mann. Benni war bei ihm in der Wohnung, als er sich verlaufen hatte vor ein paar Tagen.“
„BLÖDE KUH!“, rufe ich aus und will aus dem Zimmer rennen. Meinem eigenen Zimmer! Aber Markus ist schneller und hält mich am Arm gepackt fest.
„Momentchen Mal, junger Mann!“
Wütend versuche ich, mich aus seinem Griff zu befreien. Dabei verdreht sich mein Unterarm so sehr, dass ich aufschreien muss. „Aua! Du tust mir weh!“
Markus lässt sofort lockerer, aber ich kann mich immer noch nicht losreißen. „Benni, du kannst doch nicht einfach bei wildfremden Männern in die Wohnung.“
An Klara gewandt fügt er hinzu: „Ihr geht dort nicht mehr hin, verstanden? Und das hier nehme ich mit.“ Mit diesen Worten greift er nach dem Manuskript, lässt mich los und verlässt mein Zimmer.
Ich spüre, wie meine Wangen glühen. „Hast du ja super gemacht“, schnauze ich Karla an. „Los, raus hier! Ich will meine Ruhe haben!“
Klara zieht schuldbewusst die Schultern ein und lässt mich allein zurück. Noch immer wütend werfe ich mich ins Bett. Heiße Tränen kullern mir aus den Augen. Nicht weinen!, denke ich noch, aber es ist zu spät.

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