16. Dezember

Bereits drei Tage sind seit dem Besuch bei dem Alten vergangen. Klara hilft mir fleißig beim Lesen der Texte und wir diskutieren häufig über einzelne Stellen, an denen wir mit der Handlung nicht ganz zufrieden sind. Klara hält mir immer wieder vor, dass ich keine Ahnung von Literatur habe. Ich lese ja nicht viel. Aber bin ich deshalb dümmer als sie? Ich finde das nicht ganz fair. Bloß weil sie älter ist, spielt sie sich auf. Dabei wollte Herr Hermann, dass ich seine Geschichte lese. Das halte ich Klara immer wieder vor. Dann schweigt sie oft. Wenn nicht, drohe ich ihr damit, sie nicht weiterlesen zu lassen. Immerhin ist es jetzt mein Manuskript und sie hat keine Rechte daran.

„Du bist so störrisch. Bin ich froh, nicht mit dir verwandt zu sein!“, beschwert sie sich immer wieder. Ich grinse dann zufrieden, weil ich weiß, dass sie verloren hat.

Mama hat nichts mehr zu mir gesagt, obwohl ich sicher war, dass sie mir eine Standpauke halten würde. Aber irgendwie war sie froh, dass ich mich jetzt einigermaßen mit Klara verstehe. Manchmal fragt sie aber doch, woher mein plötzlicher Leseeifer kommt.

„Die Geschichte ist eben gut!“, erwidere ich dann und ignoriere sie, bis sie wieder aus meinem Zimmer verschwindet.

Am vierten Tag haben Klara und ich alle Seiten durchgearbeitet.

„Wir müssen zu dem Alten und ihn nach mehr fragen“, meint Klara, als sie die letzte Textpassage gelesen hat. Ich nicke nur. In Gedanken bin ich bereits bei den Möglichkeiten, wie die Geschichte weitergehen könnte.

„Also, wie stellen wir es an?“, fragt Klara und schaut mich erwartungsvoll an.

„Wie stellt ihr beiden was an?“

Markus, Klaras Vater, ist eingetreten und schaut neugierig erst zu seiner Tochter, dann zu mir. „Was heckt ihr beiden aus?“

Erschrocken wie ich bin starre ich Markus einfach nur an.

„Ach Papa“, fängt Klara an zu jammern. „Das sollte doch eine Überraschung werden! Jetzt frag nicht weiter. Es geht doch um Weihnachten!“

„Aha.“ Markus schaut skeptisch und seine Augen bleiben auf mir ruhen. Unruhig schaue ich zu Klara. „Raus mit der Sprache: Warum versteht ihr euch auf einmal so gut und was habt ihr vor?“

Klara erwidert meinen Blick und schweigt. Markus schaut zu ihr, dann wieder zu mir. Plötzlich bemerkt er den Stapel Papiere, der vor Klara ausgebreitet ist.

„Was habt ihr denn da?“

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