6. Dezember

Herr Hermann scheint überzeugt davon zu sein, auf der Karte eine Kaiserstraße zu finden. Ich setze mich neben ihn und schaue ebenfalls auf das Papier.

„Also das hier ist die Altstadt. Und hier sind wir jetzt“, erklärt der alte Mann und deutet mit einem dicken Finger auf eine Straße. „Wo genau liegt denn die Kaiserstraße? Wohnst du da, Kleiner?“

Ich hasse es sofort, wie er mich Kleiner nennt. Karla sagt das auch immer, sie hat es von ihrem Vater übernommen. Zähneknirschend überlege ich. „Ja, und es ist ganz nah am Zentrum. Ich muss immer nur parallel zur Hauptstraße laufen und dann bin ich schon daheim. Aber heute bin ich falsch abgebogen. Meine Schwester hat mich genervt.“ Da ist es. Das blöde Wort. Schwester. Mama zwingt mich immer, Karla so zu nennen. Dabei ist sie gar nicht seine Schwester. Nicht für ihn. Bloß weil ihre Eltern geheiratet haben, sind Karla und er doch noch lange nicht verwandt!

„Die lieben Geschwister. Meine hat mich auch immer in den Wahnsinn getrieben. Kopf hoch, Junge, die Frauen werden es dir nie leicht machen.“

„Sie ist ja gar nicht meine richtige Schwester, die dumme Ziege. Aber sie spielt sich immer total auf, nur weil sie ein Jahr älter ist. So eine blöde Ziege. Und wegen der hab ich mich verlaufen. Und es wird spät und meine Mutter regt sich total auf, wenn ich nicht daheim bin, wenn es dunkel ist. Und draußen wird es schon dunkel.“

„Ach herrje. Da hast du aber kein Glück heute, was?“

Ich schüttele den Kopf. Es ist lange her, dass mir jemand zugehört hat und ich überlege, dem Alten auch noch von dem Brief aus der Schule zu erzählen.

„Wenn mich meine Schwester genervt hat, habe ich immer irgendetwas nach ihr geworfen. Einmal war es eine Mehlpackung. Danach sah sie aus wie ein Gespenst.“

Ich muss lachen bei dem Gedanken, wie Karla voller Mehl aussehen würde. Das würde ihr gar nicht gefallen.

„Wir mussten danach immer zusammen putzen und gerade das Mehl war eine Strafe. Danach hab ich mir immer überlegt, was ich werfen kann und was ich besser nicht werfe“, erzählt der Alte weiter. „Kissen sind immer gut. Die tun auch nicht so weh.“

„Ich will, dass sie mich einfach in Ruhe lässt. Aber egal wie oft ich ihr das sage, sie geht nicht weg.“

Der Alte schaut mich aufmerksam an. „Vielleicht ist das besser so. Man weiß gar nicht, was man hat, bis es einem fehlt. Versuch doch einfach mal, dich mit deiner Schwester zu vertragen. Gibt es denn nichts, was du an ihr magst?“

Ich schüttele den Kopf, dann aber reiße ich die Augen auf. „Doch! Sie hat mir mal meinen Fahrradschlauch ausgetauscht im Sommer. Ich wusste gar nicht, wie das geht!“

„Na, siehst du. Für irgendetwas sind sie doch immer gut, die großen Geschwister.“

„Aber bestimmt verpetzt sie mich, dass ich nicht direkt heimgekommen bin. Und sie auf dem Nachhauseweg beleidigt habe. Und dann kriege ich noch mehr Ärger. Mama ist bestimmt schon sauer, wegen dem blauen Brief aus der Schule.“

„Na, dann sollten wir schauen, dass du schleunigst heimkommst, bevor es ganz dunkel draußen wird. Da, schau mal. Das ist die Kaiserstraße.“

Der Alte hat sie tatsächlich auf der Karte gefunden und deutet nun mit dem Zeigefinger der anderen Hand darauf. „Das ist aber ganz schön weit weg. Junger Mann, was hältst du von einem Taxi?“

„Aber ich habe doch gar kein Geld!“, protestiere ich.

„Ach“, rief der Mann und zwinkert mir mit einem verschmitzten Lächeln zu. „darum mach dir mal keine Sorgen. Aber du könntest mir dafür einen Gefallen tun.“

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