4. Dezember

„Komm nur rein!“, schallt es mir entgegen. Ich bin noch nicht ganz die Stufen hochgelaufen. Oben steht eine Tür offen und ich höre, wie Füße über den Boden schlurfen. Auf dem Klingelschild steht ‚Hermann`. „Mach die Tür hinter dir zu, es wird so schnell kalt hier drinnen.“

Ein bisschen zweifele ich an dieser Behauptung, da es in der Wohnung des Alten Temperaturen wie in der Wüste hat, aber ich tue wie mir geheißen wurde.

„Hier…hier irgendwo müsste ich eine Karte haben…“

Ich folge dem Murmeln durch einen schmalen Flur in ein Wohnzimmer, das vollgestopft mit Möbeln ist. Am Fenster und der rechten Wand stehen zwei Sofas, die aus einem anderen Jahrtausend mit giftgrünen Polstern und hölzernen Armlehnen. Die anderen beiden Wände werden von großen Wandschränken aus dunklem, massivem Holz verdeckt. In einem davon ist eine Ausbuchtung, in dem ein riesiger Röhrenfernseher steht. In den Ecken auf dem Boden stapeln sich hunderte von dicken Büchern, der kleine Wohnzimmertisch ist bedeckt mit Papieren.

Der Alte kniet vor einer Schublade und durchwühlt sie, wirre Worte vor sich her murmelnd. „Ach, schau an. Da ist ja das Foto, das ich schon so lange suche. Meine liebe Hilde. Wie ich dich doch vermisse…“ Er schaut eine Weile das Foto an, dann legt er es auf den Stapel Papiere neben sich. Ich bin mir sicher, dass er es dort nicht wiederfinden wird.

Etwas unsicher trete ich von einem Bein aufs andere und schaue mich um.

Die Papiere auf dem Tisch sind fast alle handbeschrieben. Manche davon wirken uralt, das Papier ist leicht vergilbt. Dazwischen liegen mehrere selbstgezeichnete Bilder von einzelnen Personen. Ich frage mich, was der Alte da treibt.

„Aah, da habe ich sie ja. Ein bisschen alt ist sie schon, aber die Straßennamen ändern sich nicht so schnell. Also Kaiserstraße suchst du.“ Er richtet sich mit einem Ächzen auf und blickt mich mit seinen großen Augen an. Sie sind von einem strahlenden blau. „Dann lass uns mal schauen, wie du dort hinkommst.“

Mit gequältem Gesichtsausdruck geht er zu dem Sofa am Fenster und lässt sich darauf niedersinken, während er mit zittrigen Händen die Karte ausbreitet. Ich starre das Papier an. „Ähm, Herr…Hermann? Dieser Plan ist doch bestimmt schon fünfzig Jahre alt?“

„Na und? Junge, die Straßen hier sind noch viel älter. Und nicht alles hat sich nach dem Krieg schlagartig geändert. Also schauen wir mal…“

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