3. Dezember

Es wird allmählich spät. Verflucht, warum hab ich auch nie die Armbanduhr angezogen, die mir Mama geschenkt hat. Und hier ist einfach kein Schwein! Wie in einer Geisterstadt. Geht das überhaupt? Wie ist das möglich, dass vorhin alle Gassen so vollgestopft waren, dass man sich kaum bewegen konnte und überall Weihnachtsstände waren, und hier einfach tote Hose ist? Wie lange ich wohl brauche, bis ich zuhause bin?

Ich stapfe weiter von Einbahnstraße zu Einbahnstraße. Inzwischen habe ich vollkommen die Orientierung verloren. Vermutlich hätte ich doch die Frau mit den vielen Einkaufstüten, die mir unterwegs entgegenkam, nach dem Weg fragen sollen. Aber sie hatte so böse geschaut…

„He, Junge, suchst du was?“

Überrascht drehe ich mich um, kann aber niemanden sehen.

„Hier oben!“

Ich lege den Kopf in den Nacken und erblicke einen älteren Mann, der sich aus dem Fenster lehnt und mir zuwinkt. Das graue Haar ist platt an seinen Kopf gedrückt, die Augen wirken seltsam groß. Kurz zucke ich zusammen, da er ein bisschen so aussieht, wie ich mir einen Yeti vorstelle. Aber er lächelt freundlich. Das nimmt mir die Angst.

„Die Kaiserstraße. Können Sie mir sagen, wie ich dort hinkomme?“, rufe ich nach oben.

„Was?“

„Die Kaiserstraße!“

„Hier gibt es keine Waisenstraße.“

„Nein, nein. Ich suche die KAISERSTRAßE!“, wiederhole ich noch einmal und betone dieses Mal jede Silbe besonders deutlich.

Der Alte überlegt einen Moment. „Da biste hier ganz falsch. Komm hoch, ich geb dir einen Stadtplan!“

Ich schlucke. In die Wohnung des Mannes zu gehen, ist so ziemlich das Letzte was ich will. Besser wäre es wohl, ich würde einfach weitergehen. Aber dann werde ich nie heimfinden. Er sah nun wirklich nicht so bösartig aus, überlegte ich. Ich gebe mir einen Ruck und gehe zu der Haustür, von der ich glaube, dass sie zur Wohnung des Fremden führt. Kurz darauf sirrt es kurz und ich drücke gegen die Tür. Sie öffnet sich. Mit einem letzten Blick hinter mich betrete ich den langgezogenen Flur und suche nach einem Lichtschalter. Als ich ihn finde, stelle ich fest, dass ich mich wohl in einem uralten Haus befinde. Die hohen Decken und die breite Treppe, die sich am Ende des Ganges befindet, verrät mir das. Meine Großeltern hatten in so einem Haus gewohnt, bevor sie gestorben sind. Mama hatte immer wieder von dem Haus geschwärmt.

Langsam erklimme ich die Stufen und überlege, was ich dem Alten wohl sagen könnte. Und was ich tun soll, wenn er doch nicht so nett ist. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, warum er böse sein sollte. Meine Mutter spinnt vielleicht einfach, was soll an so einem alten Kauz schon gefährlich sein. Bloß weil er fremd ist…

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