2. Dezember

„Benni, Benni, warte doch mal!“

Schon wieder Karla. Die olle Karla, die den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat, als mir nachzurennen. Genervt quetsche ich mich zwischen den beiden Frauen hindurch, die mitten in der Fußgängerzone stehengeblieben waren, um ihr Kaffeekränzchen zu halten. Nicht mal die Kälte hat sie davon abhalten können.

„He, junger Mann, pass doch auf!“

Ich drehe mich um und strecke der Frau die Zunge raus. „Bääääh!“ Das war ein Fehler, denn im nächsten Moment hat Karla mich eingeholt. Wichtigtuerisch legt sie ihre Hand auf meine Schulter. „Mensch Benni, sowas macht man nicht. Was ist denn überhaupt los mit dir?“

„Geht dich gar nichts an!“

„Geht es sehr wohl!“

Ich starre eine Sekunde lang diese unglaublich hellblauen Augen an. Warum kann sie mich eigentlich nicht einfach in Ruhe lassen?

„Geht es nicht“, wiederhole ich noch einmal und wende mich ab. Natürlich stapft sie mir hinterher. Blöde Ziege. „Bloß, weil dein Vater mit meiner Mutter schläft, hast du mir noch lange nichts zu sagen!“

„Benni, du bist mein Bruder!“

„Stiefbruder“, korrigiere ich sie. „Und ausgesucht habe ich mir das bestimmt nicht. Jetzt geh weg!“

„Wie denn? Wir haben den gleichen Nachhauseweg.“

„Such dir ein andres Zuhause.“ Bevor sie noch etwas sagen kann, biege ich in eine enge Gasse und renne los. Scheiße, denke ich. Das gibt Ärger! Die kommt jetzt bestimmt heulend zuhause an und petzt alles. Als ob ich nicht schon genug Stress kriege.

Vor mir wird es immer leerer und ich verfalle in einen lockeren Sprint. Es ist warm für Dezember, aber an dem grauen, deprimierenden Himmel ändert das nichts. In ein paar Stunden ist es wieder dunkel. Wenn ich dann nicht zuhause bin, rastet meine Mutter aus. Aber noch bleibt ein bisschen Zeit.

Als niemand mehr vor mir herläuft, bleibe ich stehen und blicke mich um, suche nach einem Haus, das ich kenne. Aber hier war ich noch nie. Die Straße sieht viel verfallener aus und die Läden sind alle verrammelt. Vereinzelt wurde auf die Glasscheiben geschrieben, dass die Räume zum Verkauf frei sind. Zögernd gehe ich weiter. Zurücklaufen wäre ja blöd, falls die Ziege mir doch gefolgt ist. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin und nirgends ist jemand, den ich kenne.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s