Zeugen der Zeit

Jeden Morgen das gleiche, nervenaufreibende Spiel. Die Bauarbeiter nebenan machen sich an ihr Tagewerk und vergessen dabei vollkommen, dass ich doch meinen Schlaf brauche. Wer bis spät in die Nacht arbeitet oder lernt, kann eben nicht morgens um sieben schon wieder auf den Beinen sein. Aber sei es drum, die Männer machen auch nur ihren Job. Und was ich dann tue? Na, schlafen hilft ja nicht mehr. Also erstmal einen Cappucino und dann ab auf die Terrasse, die ersten Sonnenstrahlen genießen und mit verschlafenem Blick auf das Dach gegenüber starren. Dort tummeln sich die Schuldigen des morgendlichen Lärms und werfen in unerhört frühem Übermut Dachziegel in einen großen Container.
Eigentlich ist mein Kopf vollkommen leer. Irgendwie noch halb in meinem Traum gefangen, den ich aber nicht mehr greifen kann. Allmählich formen sich aber doch Gedanken: Wie ist es eigentlich in so einem leeren Haus? Spürt man noch den Geist der Vergangenheit? Fühlt man, dass dort einst andere gelebt haben, die Räume mit Leben und Lachen gefüllt haben? Große und kleine Gefühle hatten?
Ich erinnere mich noch an den Besuch einiger alter Häuser und Schlösser, die ebenfalls vollkommen ausgehöhlt waren. Dennoch hatte man so ein Gefühl bekommen, dafür, dass das Gebäude schon andere Zeiten erlebt hatte. Irgendwas hatte immer darauf hingedeutet: Die hohen Säulen, der Stuck, die ungewohnt hohen Räume. Die ganze Architektur stammte einfach oft einer anderen Zeit. Aber wie ist das mit Häusern, die noch nicht lange stehen? Die noch dem Standard unserer Zeit entsprechen? Haben sie schon, was viele als eine „Seele“ bezeichnen? Ich weiß es nicht.
Ich muss an die vielen Studentenwohnheime denken, deren Bewohner oftmals mehrfach im Jahr wechseln. Irgendwie hinterlässt die Zeit schon ihre Spuren. Wie viele Geschichten erlebt so ein Haus wohl? Wie viele Menschen beobachtet es, stumm und beinahe unbeachtet? Wie lange begleitet uns ein einzelnes Haus auf unserem Lebensweg und wie lange begleiten wir es? Beinahe nostalgisch muss ich nun an all die Häuser und Wohnungen denken, in denen ich schon gelebt habe. Allzu schnell vergessen werde ich sie nicht.

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