24. Dezember

…morgen…nur noch einmal….töten….morden…morgen…
Mit einem Knall landete ich auf dem Boden und schlug erschrocken die Augen auf. Wo war ich? Graue Wände umgaben mich. Das Bettgestell neben mir wackelte bedenklich, so instabil war es. Vor mir ragte ein kleiner Holztisch auf, daneben stand ein Stuhl. Langsam kam die Erinnerung zurück. Natürlich.
Wieder einmal hatte ich geträumt. Den Albtraum, den ich jede Nacht hatte. Von Menschen, die ich tötete, immer so nebenbei. Es war furchterregend. Irgendwann musste dieses Grauen doch einmal ein Ende haben? Stattdessen wachte ich nach dem schlimmsten von allen Morden immer schweißgebadet auf. Noch eine Person töten, das war das Ziel? Wie konnte ein Mensch nur so grausam sein?
Gleichzeitig wusste ich jedoch auch, dass das nicht nur meine Phantasie war. Hinter diesem Traum steckte mehr. Mein Unterbewusstsein wollte mir etwas sagen. Leider konnte ich nicht verstehen, was es mir sagen wollte. Alles was ich wusste, war, dass ich wollte, dass diese Träume aufhörten. Es war furchtbar.
Es war so furchtbar, dass ich mich zu einer Handlung genötigt sah.
Der Kalender sagte mir, dass Heiligabend war. Endlich war es so weit. Meiner Nichte hatte ich ihr Geschenk bereits zugesandt. Ich hoffte, sie würde es rechtzeitig erhalten. Davon abgesehen war ich eher geizig geblieben. Seit dem Tod meiner Frau kümmerte mich dieser ganze Trubel um Geschenke nicht mehr. Sollten doch alle sehen, wo sie blieben.
Das Geschenkband jedoch lag noch auf dem Tisch. Ich starrte es an. Mehrere Minuten lang. Dann begann ich, das Band von der Rolle abzurollen, es zweifach, vierfach, achtfach zu nehmen. Ich war erstaunt, wie lang das Band war, denn es reichte problemlos für den Knoten, den ich geplant hatte. Zum Glück hatte mir ein Lehrer mal beigebracht, wie dieser Knoten zu machen war. Eigentlich wollte er Knoten für zum Segeln unterrichten.
An der Decke war ein Haken. Ich hatte mich schon mehrfach gefragt, wozu dieser Haken eigentlich gut sein sollte. Nun wusste ich es, band das Geschenkband daran fest und stellte den Stuhl darunter. Das Band war fast etwas zu lang, doch ich war sicher, dass es reichen würde und auch standhielt. Ich kletterte also auf den Stuhl, legte mir die Schlinge um den Hals und ließ den Stuhl umkippen, konzentriert auf meinen allerletzten Gedanken: „Frohe Weihnachten!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s