21. Dezember 2013

Ich hatte es nicht mehr bis zur Grenze geschafft. Ein Schneesturm hatte mich überrascht und aufgrund seiner Härte zum Anhalten gezwungen. So war ich erstmal in einer Herberge in einem kleinen Ort untergekommen und hatte ein lecker zubereitetes Abendessen von einer Frau, die vermutlich fünfmal so breit war wie ich selbst, genossen.
Nun, nach einem ebenso umfangreichen Frühstück, wie schon das Abendessen war, wollte ich mich gerade wieder auf den Weg machen. Zu meinem Unglück musste ich feststellen, dass mein Wagen zugeschneit war. Das hieß erstmal, Schnee schippen. Netterweise lieh mir die Dame von der Herberge eine Schaufel, mit der ich recht schnell vorankam.
Zwei Kinder kamen und schauten mir zu. Eines hatte einen Schlitten dabei. Es waren ein Mädchen und ein Junge, das Mädchen höchstens fünf Jahre alt. Sie hielt sich an der Hand ihres Bruders fest.
Eine Weile lauschte ich gedankenversunken dem Schaben des Metalls auf dem gefrorenen Untergrund, dann konzentrierte ich mich darauf, den Schnee von meinem Auto zu fegen. Irgendwann war ich schweißnass gebadet, aber mit meiner Arbeit fertig. Das Mädchen kicherte. Ich drehte mich zu mir um und sah sie mit gerunzelter Stirn an. Augenblicklich verstummte sie. „Was ist denn so lustig?“, fragte ich.
„Tut mir Leid“, murmelte sie und rannte plötzlich weg. Ich sah ihr hinterher. Seltsames Mädchen.
„Sie ist ziemlich schüchtern“, erklärte ihr Bruder.
„Du bist das wohl nicht“, stellte ich fest und fixierte nun den Jungen. Er lächelte.
„Starten Sie mal den Motor. Mal schauen, ob alles funktioniert.“
Ich grunzte und drehte mich um, um zur Fahrerseite zu laufen. Als ob ich mir von einem Zwerg sagen lassen müsste, was ich zu tun hatte. Dennoch tat ich wie geheißen. Natürlich, ich wollte ja auch endlich weiterfahren.
Tatsächlich brauchte der Motor eine Weile, bis er ansprang, dann jedoch schnurrte er zufriedenstellend. Der Junge klopfte an meine Beifahrertür und ich ließ das Fenster herunter. „Was gibt es?“
„Entschuldigen Sie, aber Sie wollen doch jetzt losfahren. Könnten sie mich da mit dem Schlitten ein bisschen mitnehmen?“
Ich sah ihn irritiert an. „Wohin willst du denn?“
„Nur ans andere Ende des Dorfes. Zu meinem Papa, der ist auf der Arbeit.“
Zweifelnd sah ich mich um. Es war keine Menschenseele zu sehen. Nicht einmal das Mädchen war wieder aufgetaucht. „Na meinetwegen. Aber nicht weiter!“
Freudig wollte der Junge schon einsteigen, dann aber hielt er inne. „Und mein Schlitten?“
„Gibt es hier eine Straße, die etwas abseits vom Dorf entlangführt?“
Nun war der Junge irritiert. „Ja, eher einen Waldweg, aber er führt ums Dorf herum.“
„Wie wäre es dann, wenn du dich auf den Schlitten setzt und ich ziehe dich diesen Waldweg entlang?“
Begeistert von dieser Idee ließ sich der Knabe darauf ein. Wir befestigten die Kette des Schlittens an meiner Anhängerkupplung und er setzte sich auf sein Gefährt. Während ich langsam den von ihm beschriebenen Weg entlangfuhr, jubelte er begeistert. Ich hatte mein Fenster heruntergekurbelt gelassen, so dass ich ihn hören konnte und beobachtete ihn im Rückspiegel. Irgendwann ging der Weg wieder bergab und der Schlitten nahm an Fahrt auf.Ich achtete nicht weiter darauf. Zuerst fiel es mir nicht einmal wirklich auf. Als vor mir eine Kurve kam, bremste ich allerdings und gab in der Kurve dann Gas. Dabei vergaß ich, dass der Junge den Schlitten vermutlich nicht mitlenkte. Im Rückspiegel sah ich, wie er sich mit dem Schlitten überschlug und im Graben landete. Der Schlitten wurde von meinem Wagen weitergezogen. Augenblicklich trat ich auf die Bremse und sah nach dem Knaben. Er war in einen Bach gefallen und bewegte sich nicht mehr. Ich seufzte. Dann band ich den Schlitten von der Anhängerkupplung los, schob ihn zu dem Jungen dazu und stieg wieder in den Wagen. Der Boden war so festgefroren, dass ich nicht einmal Fußspuren hinterließ. Wunderbar! Zufrieden machte ich mich wieder auf den Weg zur Grenze. Es wurde allmählich Zeit, dass ich das Land verließ.

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