19. Dezember 2013

Die Polizei hatte meine Aktion vom Vortag eindeutig mitbekommen. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sogar die Verbindung zwischen dem stehengelassenen Auto und meiner Flucht ziehen können. Ich war beeindruckt. Nun starrte ich in das Gesicht des jungen Polizisten, dessen Haut von Akne gezeichnet war und der mich unsicher anstotterte.
„Sie-äh…wer-werden sicher-cherlich verstehen, dass w-wir alles überp-prü-püfen müssen.“
Ich nickte. „Kommen Sie doch herein“ Der Mann folgte mir gehorsam in die Küche und nahm auf der Eckbank Platz. „Können Sie mir sagen, wo Sie gestern gegen vier Uhr waren?“
Einen Moment wunderte ich mich, dass der Polizist sein Stottern überwunden hatte. Vermutlich fühlte er sich nun, da ich ihn in mein Haus eingelassen hatte sicherer. „Ja“, gab ich ihm zur Antwort. Er wartete geduldig, bis er erkannte, das von mir nicht mehr kommen würde.
„Wo waren Sie gestern um diese Uhrzeit?“, änderte er seine Frage schließlich ab.
„Auf der Bank.“
„Und was haben Sie da gemacht?“
„Geld abgehoben.“ Konnte alles nachgeprüft werden. Sollte er sich ruhig die Arbeit machen.
„Wieso haben Sie ihr Auto stehen lassen?“
„Ich bin zu Fuß gegangen“, erwiderte ich und zuckte mit den Schultern. „Der Verkehr ging ja überhaupt nicht mehr voran und ich hatte Hunger.“
„Augenzeugen behaupten, sie von der Abrissbirne wegrennen gesehen zu haben.“
„Kannten die etwa meinen Namen?“, fragte ich verwundert.
Irritiert verneinte der Polizist die Frage. „Dann ist das wohl auch nur eine Behauptung“, folgerte ich selbstsicher.
„Sie-äh-haben also nicht in der Abrissbirne gesessen?“
Aha, er wurde wieder unsicherer. „Nein“, gab ich wahrheitsgemäß zu. In der Birne selbst hatte ich nicht gesessen.
„Sie haben Sie auch nicht gesteuert?“, fragte der Mann, seinen Fehler bemerkend.
Ich seufzte. „Hören Sie, ich weiß,was sie von mir wollen. Sie glauben, ich hätte dieses Teil gefahren und wäre dafür verantwortlich, dass dieses grässliche Haus einen Tag früher als geplant abgerissen wurde und unter den Trümmern ein Mann gestorben ist. Aber das ist nicht wahr!“
„Ist es nicht?“
Der konnte vielleicht dumme Fragen stellen. „Nein, ist es nicht. Ich bin doch nicht dafür verantwortlich, dass dieser Mann an einem Haus herumgeklettert ist, dass dem Erdboden gleichgemacht werden sollte, und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ein Verrückter die Chance genutzt hat, einmal eine Abrissbirne zu fahren, weil der zuständige Bauarbeiter den Schlüssel hat stecken lassen.“
„Woher wissen Sie von dem Schlüssel?“
Ich biss mir auf die Lippe. Verdammt. Da hatte ich mich aber schön verplappert und dieser Typ passte auch noch auf. So ein Mist! „Na, denken Sie doch mal. Glauben Sie wirklich jemand macht sich die Mühe, die Maschine kurzzuschließen? Während es so viele Zuschauer auf der Straße gibt, die nur darauf warten, dass der Verkehr endlich wieder fließt?“ Er war überzeugt. Das konnte ich ihm ansehen. Dennoch wollte er nicht gehen und stellte mehr und mehr Fragen. Allmählich spannte er meine Nerven. Ich begann mit dem Kochen eines leckeren Eintopfes, schälte Kartoffeln und schnippelte Gemüse. Als ich fertig war und alles in einem großen Pott vor sich hinkochte, spülte ich das Geschirr und begann aufzuräumen, während ich weiter sinnlose Fragen beantwortete. Es war so ermüdend!
Als ich gerade eines der Messer in den Messerblock auf dem neuangebrachten Regal stecken wollte, entschuldigte sich der Mann. „Vielen Dank für Ihre Geduld.“ Jaja, dachte ich nur. Und jetzt verschwinde!
Doch bevor sich der Mann erheben konnte, krachte plötzlich das Regal herunter. Das Messer, dass ich gerade losgelassen hatte, blieb zitternd zwischen dem Schritt des Polizisten stecken, während dieser benommen zur Seite kippte. Das Brett hatte ihm eine gehörige Beule verpasst.
„Entschuldigen Sie“, sagte ich schuldbewusst. Dann merkte ich, dass der Mann bewusstlos wurde und zur Seite zu kippen drohte. Ein weiteres Messer war direkt in seinem Oberschenkel gelandet. Ich seufzte. Das war ja nicht einmal tödlich! So ein Missgeschick und dann so etwas!
Dann jedoch krachte auch das zweite Regal, dass etwas weiter oben angebracht worden war herunter. Darauf hatte eine große Vase aus Kupfer gestanden, die nun auf dem Schädel des Mannes landete. Ich hielt mir die Ohren zu, um das Scheppern nicht in voller Lautstärke ertragen zu müssen. Anschließend überprüfte ich den Puls des Mannes. Er lebte noch, doch die Wunde an seinem Kopf und das viele Blut, dass floss, ließen darauf deuten, dass er ohne ärztliche Versorgung nicht mehr allzu lange leben würde. So ein Mist!, dachte ich erneut. Die Kühltruhe ist doch schon voll!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s