17. Dezember 2013

Ich stand am Straßenrand, lehnte an einen Laternenpfahl und beobachtete den Mann in seinem roten Umhang. Ein Weihnachtsmann. Einer von vielen, die gerade durch die Innenstadt rannten und Werbegeschenke verteilten. Dieser jedoch hatte meine Aufmerksamkeit erregt, da er besonders fröhlich umher rannte und geradezu darauf anlegte, das man ihm eine scheuerte. Eine Frau hatte das bereits getan, als er sie einfach umarmt hatte. Er hatte sich nicht weiter darum gekümmert.
Ich hatte diesen Kerl bereits von Weitem bemerkt und war ihm bisher ausgewichen. Mein Gefühl sagte mir, dass mit ihm etwas nicht stimmte – und tatsächlich konnte ich wenig später beobachten, wie er den Leuten, die er umarmte, die Geldbörse, Handy oder andere Wertsachen aus der Tasche zog. Er machte es wirklich geschickt, denn bevor sich jemand wunderte, steckte er seine Hand in den großen Sack, den er mit sich schleppte, ließ sein Diebesgut verschwinden und zauberte stattdessen einen kleinen Schokonikolaus hervor. Was für ein Tausch!, dachte ich verstimmt. Und so etwas nennt sich Weihnachtsmann. Dann mal Frohe Weihnachten!
Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich stellte mich in eine Gasse, stützte mich von der Wand ab und rief den Weihnachtsmann um Hilfe. „Entschuldigen Sie, könnten sie bitte kommen? Ich kann kaum den Fuß aufsetzen, bin gerade umgeknickt. Da vorne ist ein Arzt, das würde mir schon genügen, wenn sie mich bis dorthin stützen könnten.“
Tatsächlich war der Fremde so hilfsbereit und kam mir entgegen. Als er in der Gasse war, legte ich meine Schauspielerei ab und zog ihn in die Schatten. Ich hatte bereits auf einen Meter Entfernung den Alkoholgestank gerochen. Du lieber Himmel! Und von dem ließen sich die Leute umarmen!
„Hee, is ja gut“, lallte er. „Was wollnse denn? Dacht, Se hamn was am Fuß?!“
„Nein, eher Schwindel von ihrem Mundgeruch. Was haben Sie da eigentlich eingenommen?“, fragte ich erschüttert.
„Achsooo, Sie wolln ach was hamn, na sagense das doch gleich“, erwiderte er und kramte in seiner Jackentasche. Kurz darauf zog er ein Päckchen mit weißem Pulver hervor. Ich staunte nicht schlecht. So offensichtlich arbeiteten Drogendealer? Na hallo!
„Ja, aber nehmen Sie erst einmal selbst etwas davon. Ich will sehen, dass das auch gut ist!“, erwiderte ich gelassen. Ich hatte es ja schon in genügend Filmen gesehen.
Der Typ schnüffelte am Päckchen. „Das wird aber teurer für Sie. Bin doch voll vertrauenswürdig!“
„Mehr“, ermunterte ich ihn. Immer und immer wieder. Irgendwann hatte er das halbe Päckchen eingenommen und konnte kaum noch auf den Beinen stehen. Ich lächelte. „Haben Sie noch was von ihrem Schnaps? Damit sich das besser runterspülen lässt?
Er nickte, taumelte zurück und wieder zu mir hin. „Daaa“, lallte er noch, bevor er die Augen verdrehte und hinfiel. Ich lächelte. Was für ein bitteres Ende. Völlig selbstverschuldet! Ich sah mich noch einmal um, um sicherzugehen, dass mich niemand beobachtete, dann verschwand ich aus der Gasse. Den Nikolaus würde man sicherlich nicht so schnell vermissen.

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