12. Dezember 2013

Ab und an gab es Tage, an denen ich bereits morgens um vier aufstand mit dem Bedürfnis mich zu bewegen. Darum hatte ich meine Sportsachen angezogen und war joggen gegangen. Dummerweise hatte ich meinen Haustürschlüssel liegen lassen. Kein weiteres Problem, da Klaus einen Ersatzschlüssel hatte. Doch um zu ihm zu gelangen, musste ich warten, bis die erste Straßenbahn fuhr. Deshalb vertrieb ich mir die Zeit und vor allem auch die Kälte in meinen Gliedern durch weitere sportliche Aktivitäten. Irgendwann musste ich auf Toilette. Dringend. Und für ein Geschäft in der freien Natur war es mir eindeutig nicht warm genug. Also machte ich mich auf den Weg zur Hauptstraße. Der einzige Mensch, der mir einfiel, der um diese Uhrzeit wohl schon wach war und mich einlassen würde, war der Bäcker Walter. Ich kannte ihn einigermaßen gut und so verwunderte es mich nicht, dass er mich gleich einließ.
„Schlüssel vergessen“, erklärte ich ihm auf seine verwunderte Frage hin. Mein Outfit erklärte den Rest. Walter nickte und führte mich durch seine Wohnung. Er war nie sonderlich gesprächig gewesen, sondern sagte nur, dass ich ihn in der Bäckerei finden würde, sollte noch etwas sein. Wenige Minuten später suchte ich ihn dort auch, da ich nicht ohne ein Wort des Dankes gehen wollte. Er war gerade dabei Brötchen in den Ofen zu schieben. Mir fiel auf, dass der Ofen groß genug war, um zwei Kinder darin zu backen. Für den Bäcker selbst, der schon ungewöhnlich beleibt war, wäre es allerdings zu eng. Ich runzelte die Stirn, verwundert über die Idee, die mir durch den Kopf geschossen war.
„Danke dir noch einmal“, sagte ich.
Walter drehte sich um und nickte, ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. „Kein Problem. Grüß Klaus von mir. Er war schon länger nicht mehr hier.“ Natürlich, auch Walter wusste, wo ich meinen Ersatzschlüssel verwahrte. Es war ein offenes Geheimnis, dass Klaus und ich wie Brüder für den jeweils anderen waren.
Ich wandte mich um und verließ die Bäckerei wieder durch die Wohnung. Inzwischen war es Zeit, zur Haltestelle der Straßenbahn zu gehen. Vermutlich würde ich Klaus aus dem Bett klingeln müssen, doch das bereitete mir keine Sorgen. Vielmehr fragte ich mich, wie ich meinen Rückstand bei der Wette aufholen sollte. Am Ende würde Klaus noch rechtbehalten. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Dennoch wurde es immer schwieriger. Der Polizei war die ungewöhnlich hohe Unfallrate aufgefallen. Bei der Vogelfrau und der Verkäuferin aus dem Schreibwarenladen suchte man inzwischen nach einem Mörder, doch schien niemand an einen Zusammenhang der beiden Morde zu glauben. Der Junge, der inzwischen in meiner Tiefkühltruhe lag, wurde vermisst. Deshalb hatte am Vortag auch schon die Polizei bei mir geklingelt, war aber wieder verschwunden, als ich meinte, dass er nicht bei mir aufgetaucht war. Den Weihnachtsbaumdieb vermisste man ebenfalls und ich fürchtete bereits, dass es nicht mehr lange dauern würde bis man ihn entdeckte. Die Suchaktion nach dem Jungen war inzwischen auf den Wald ausgeweitet worden. Bei allen anderen glaubte man zu dieser Zeit eher an unglückliche Zufälle, Missgeschicke und Unfälle. Keiner wollte an einen Mord glauben. Zu meinem Glück.

Ich ging gedankenverloren über eine Kreuzung, ohne zu bemerken, dass die Ampel rot war. Ein Auto kam angerast, hupte wild. Ich blickte auf, starrte in die grellen Scheinwerfer – und blieb wie verschrecktes Wild einfach stehen, anstatt zur Seite zu springen. Der Fahrer bremste, Reifen quietschten. Erschrocken beobachtete ich, wie er den Wagen zur Seite lenken wollte, dabei mit einem anderen Wagen zusammen stieß. Seine Karosse überschlug sich. Ich kniff die Augen zusammen, konnte nicht mit ansehen, wie es weiterging. Das Krachen von Metall, quietschende Reifen, Schreie. All das genügte mir vollkommen. Ich rannte total verschreckt los, war dankbar, dass ich so vermummt war. Völlig unter Schock stehend kam ich bei Klaus an. Mir wurde schwindelig. Das war jetzt aber nicht beabsichtigt, dachte ich noch. Dann wurde es dunkel um mich herum.

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