11. Dezember 2013

Ich war auf dem Weg nach Hause nach einem langen Spaziergang. Inzwischen wurde es schon langsam dunkel. Vor mir lief eine ältere Frau, die Stofftaschen mit sich trug. In einer der beiden Taschen klapperte Glas aneinander. Ich beobachtete sie eine Weile, während ich ihr langsam folgte. Sie konnte kaum noch gehen, ihre Fußknöchel waren angeschwollen und sie schlurfte mehr, als dass sie richtig lief. In der rechten Hand hielt sie zudem nicht nur ihren Jutebeutel, sondern auch einen Stab, mit dem sie den Weg vor sich abhörte.
Ich wusste, dass vor uns eine Baustelle auftauchen würde. Dort würde die Alte eine Ewigkeit benötigen, um sich zurechtzufinden. Deshalb beschleunigte ich meine Schritte und holte sie ein.
„Kann ich Ihnen beim Tragen ihrer Einkäufe helfen?“, bot ich mich hilfsbereit an.
Die Frau blieb stehen, lächelte mich freundlich an. „Das ist sehr lieb, junger Mann. Wenn es wirklich nichts ausmacht, ich wäre sehr dankbar!“ Sie reichte mir zwei der Taschen. Die dritte mit den Gläsern behielt sie selbst, hakte sich aber bei mir unter. „Führen Sie mich vielleicht? Dort vorne ist eine Baustelle, dort verirre ich mich immer ein bisschen.“
Ich sagte zu und führte sie. Ein paar Autos passierten uns. Mir wurde die Kälte unangenehm bewusst, da ich keine Handschuhe trug. Die Tragegurte der Taschen schmerzten. „Ach, immer diese Leiden“, klagte die Frau neben mir. Eine Weile ließ sie sich über ihre Beschwerden aus, erzählte, dass sie von Geburt an blind war, sich nun aber ihre Augen auch noch ständig entzündeten. Zudem konnte sie kaum noch laufen, ihre Lunge machte größere Anstrengungen nicht mehr mit und ihr Rücken wollte schon lange nichts anderes mehr, als ihr ständig das Leben schwer zu machen. Immer wieder hatte sie Mühe, sich überhaupt zu bewegen, so schmerzte es.
Als wir bei der Baustelle ankamen, bemerkte ich, dass der Sicherheitszaun offenstand. Man konnte problemlos bis zu der großen Grube, die ausgehoben worden war. Ich zögerte einen Moment, bevor ich mich dazu durchringen konnte, die Alte durch die Absperrung zu führen. „Das ist nicht der Weg, den ich sonst gehe, junger Mann“, erklärte sie irritiert.
„Ja, der Weg ist etwas verändert worden. Kommen Sie, wir sind gleich durch. Achtung, hier ist eine Stufe nach unten.“

Sie ging weiter, noch immer bei mir untergehakt. Ich zog meinen Arm vorsichtig zurück. Im nächsten Moment spürte ich ihren kräftigen und zugleich ängstlichen Griff. Sie war einen weiteren Schritt nach vorne gegangen und merkte, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hatte. Ich hatte sie direkt zur Baugrube geführt. Missmutig schüttelte ich ihre Hand ab. Sie landete etwa vier Meter weiter unten in der Grube, bewegte sich nicht mehr. Das Glas, das sie bei sich getragen hatte, zersprang und ich stellte fest, dass es voller rotem Saft war. Neugierig blickte ich nach unten. Dann erinnerte ich mich der beiden Taschen, die ich selbst noch trug. Es waren Lebensmittel jedweder Art dabei, sowie eine weitere Flasche roten Saftes. Ich blickte darauf. Kirschsaft. Na so etwas. Dann entfernte ich mich schlechtgelaunt. Der Mord hatte mir alles andere als gut gefallen, auch wenn ich dieser Frau vermutlich einen Gefallen getan hatte.

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