10. Dezember 2013

Klaus hatte mich gebeten, ihn von der Kletterhalle abzuholen. Er hatte dort einige Reparaturen zu verrichten gehabt und da sein Wagen nicht mehr ansprang, war er am Morgen mit dem Bus losgefahren. In dieser Kleinstadt fuhren die Busse am späten Abend allerdings nicht mehr und so durfte ich nun einspringen. Mir war unbehaglich zumute, als ich meinen Ford auf dem Parkplatz vor der Kletterhalle parkte. Der Wagen hatte von der Aktion mit dem Radfahrer nicht einmal Schrammen davongetragen. „Ein Ford Escort Sedan“, hatte ich immer zu meiner Frau gesagt, „hält mehr aus als einen Dauerregen. Damit kann man Bäume umfahren.“ Oder Radfahrer.
Ich betrat die Halle. Klaus wartete bereits auf mich, auf den Treppenstufen am Haupteingang sitzend. „Wurde ja auch Zeit. Ich wollte gerade nur noch auf Toilette“, erklärte er brummend und verschwand, Schildern zu einem WC folgend.
Ich schaute mich um, blickte in die große Halle, die bis auf eine einzige Person ausgestorben wirkte. Es war ein junger Mann, vermutlich Student. Er nickte mir höflich zu und wandte sich dann wieder seinen Kletterutensilien zu. An seinem Gurt sah ich einen Beutel hängen, in dem, wie ich durch eigene Touren in meiner Kindheit wusste, Magnesium war. Das sollte dazu dienen, dass man nicht so leicht abrutschte, wenn man verschwitzte Hände hatte. Ich schaute zu, wie der Mann seinen Gurt ablegte und dabei seinen Magnesiumbeutel verlor. Innerhalb von wenigen Sekunden hatte er seine Sachen zusammengepackt und dabei nicht einmal seinen Verlust bemerkt. Ich eilte ihm hinterher, als er gerade die Halle verlassen wollte und machte ihn auf seinen Verlust aufmerksam. Den Beutel vom Boden aufklaubend, brachte ich ihn zu dem jungen Mann. Kurz vor ihm stolperte ich über eines der herumliegenden Seile. Der Beutel flog los und der Inhalt, wohl hauptsächlich noch Pulver, bestäubte den Studenten von Kopf bis Fuß. Fasziniert blickte ich auf die weiße Gestalt vor mir. „Entschuldigen Sie, war ein Missgeschick.“
Der Fremde lachte. „Keine Sorge, ist mir auch mal passiert.“ Er wühlte in seiner Tasche und zog eine Packung Zigaretten hervor. „Haben Sie Feuer?“
Ich nickte, holte eine Streichholzschachtel hervor und gab ihm Feuer. Einen Moment blickte ich auf das brennende Stück Holz in meiner Hand. Neugierde packte mich. Ich erinnerte mich an ein Experiment in der Schule – und warf das Streichholz direkt in den Sack mit dem Magnesium, den der Mann noch in seiner linken Hand hielt.
Der Sack explodierte augenblicklich und entzündete dabei das Pulver, das auf der Kleidung des Mannes verteilt war. Sein Oberteil und seine Hosen fingen Feuer. Dann auch seine Haare. Einen Moment lang blickte er verdutzt, bis er die Schmerzen und Qualen spürte, die das Feuer verursachte. Fluchend versuchte er sich aus seiner Kleidung zu befreien, sich den Stoff vom Körper zu reißen. Es war zu spät. Schreie, die mir bis ins Knochenmark gingen, erschütterten die Halle. Klaus kam durch die Tür angerannt und blieb wie angewurzelt stehen. Sein Blick verharrte auf dem Studenten.

„Komm schon, verschwinden wir“, rief er schließlich, als er sich wieder gefangen hatte, und zog mich hinaus in die Kälte. Wir eilten auf meinen Ford zu, während ich in Gedanken noch bei dem Schauspiel war, dass sich mir gerade geboten hatte. Ja, Magnesium war wirklich sehr gefährlich.

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