8. Dezember 2013

Ich war wieder am See. Inzwischen hatte das Wetter eisige Temperaturen erreicht und der Wind schnitt in nackte Haut, wo immer er welche fand. Eingemummelt in einen dicken Schal, eine warme Wollmütze, die noch von meiner Mutter gestrickt worden war, und Handschuhe, sowie warmen Fellstiefeln, stapfte ich über den gefrorenen Boden. Es schien fast, als würden sogar meine Gedanken einfrieren.
Unter meinen Schritten knackten Äste, die bereits durch die Kälte abgestorben waren. Es war ungewöhnlich still in den Bäumen, nicht einmal die Wellen rauschten. Ich erreichte die Stelle, an der die junge Frau vor sieben Tagen gestorben war. Ein einzelner Kranz mit einem Bild von ihr in der Mitte erinnerte daran. Die Polizei tappte im Dunkeln, keiner konnte sich solche Brutalität erklären. Ich schluckte. Das Schlagen der Tauben von diesem Tag hallte in meinen Ohren wieder. Heute war kein einziges Tier zu sehen.
Es war ein denkwürdiger Anfang gewesen. Niemand hatte mit einem solchen Mord gerechnet. Klaus hatte sprachlos vor mir gestanden und ungläubig den Kopf geschüttelt. Selbst mir fehlten die Worte, wenn ich an die Naivität dieser Frau dachte. Es ließ mich erschaudern. Wie leicht konnte man Menschen manipulieren!
Ich ging weiter, folgte dem Pfad, der um den kleinen See herumführte. Vermutlich würde ich zwei Stunden brauchen. Danach würde ein leckerer Apfeltee mit Schuss meine Glieder wieder aufwärmen. Ich hatte mir sogar Nachschub besorgt, da mein Verbrauch in den letzten Tagen enorm gestiegen war. Kein Wunder. Seit ich arbeitslos war, verbrachte ich auch viel mehr Zeit zuhause. Es war mir immer noch ein Rätsel, wie meine Frau den Garten hatte so vernachlässigen können, während ich in fremden Gärten geschuftet hatte. Jedes Mal, wenn ich zuhause saß und aus dem Fenster in dieses trostlose Stück Natur blickte, dass ich als einziges nicht selbst gepflegt hatte, brachte es mich fast zum Weinen.
Ich hörte ein Knacken zu meiner Linken und schaute mich um. Es ging leicht einen kleinen Hügel hinauf, auf dem mehrere junge Rottannen standen. Etwa auf halber Höhe stand ein älterer Mann mit einer Säge und musterte eine besonders schön gewachsene Fichte. Ich runzelte die Stirn. Wurde ich da etwa Zeuge eines Baumdiebstahls?
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ich zusehen konnte, wie der Mann begann, am Stamm der Tanne zu sägen. Mir wurde schlecht. Er sägte nicht einmal so, dass es den Baum nicht vollkommen zerstörte, sondern ging mit brachialer Gewalt vor. Ich sah mich um. Weit und breit war niemand anderes zu sehen, aber auch ein Mordwerkzeug fehlte. Ich seufzte, blickte auf einen kahlen Baum neben der Fichte. An einem der Äste hingen mehrere lange Eiszapfen. Ich eilte dorthin, brach eines der Ungetüme ab, spürte die Kälte selbst durch meine dicken Handschuhe.
Der Mann hatte den Stamm fast gänzlich durchsägt. Er bemerkte nicht einmal wie ich mich von hinten anschlich. Als die Tanne plötzlich mit einem lauten Krachen nach vorne kippte und auf dem gefrorenen Boden landete, tippte ich dem Fremden auf die Schulter. Er zuckte zusammen, drehte sich zu mir um und sah mich erschrocken an. Ich ließ ihm keine Zeit für eine weitere Reaktion, sondern rammte ihm den Eiszapfen in sein linkes Auge und hielt ihm den Mund zu. Nicht, dass noch einmal Todesschreie durch den Wald hallten.
Meine Mordwaffe drang tief ein und verrichtete ein unglaubliches Blutbad. Ich fluchte als ich bemerkte, dass mein gesamter Handschuh rot gefärbt war. Durch die Nässe wärmte er nun auch nicht mehr so wie er es sollte. Während ich mich nach einem passenden Versteck für den Alten umsah, fiel er vor mir auf die Knie, ein letztes Wimmern ausstoßend. Dann klappte er zusammen.

Ich legte ihn in eine Mulde zwischen zwei großen Felsen, sodass der tote Körper nicht vom Pfad aus eingesehen werden konnte. Als ich noch einmal zur Mordstelle zurückkehrte, beschloss ich, die Tanne mitzunehmen. So konnte sie wenigstens noch ihren Dienst als Weihnachtsbaum verrichten.

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