6. Dezember 2013

Der Tod des Schuljungen machte mich unzufrieden. Und dann war auch noch Nikolaustag. Etwas, das ich überhaupt nicht ertragen konnte. Letztes Jahr hatte ich mir Dickens Weihnachtsgeschichte deswegen anhören dürfen, weil meine Frau meinte, ich würde wie dieser Scrooge enden. So ein Unsinn! Ich mochte einfach diesen ganzen Unsinn nicht mit Stiefeln vor die Tür stellen und das Haus für einen Monat in ein Lichtermeer zu verwandeln. Wozu so viel Strom verbrauchen?
Um dem verrückten Trubel auf den Straßen zu entgehen, war ich deshalb heute zuhause geblieben. Nicht, dass mir schon wieder ein Nikolaus begegnete und ich mich zurücknehmen musste, um ihm nicht wehzutun. Dummerweise hatte ich bereits am Morgen festgestellt, dass mir der Apfeltee ausgegangen war, weshalb ich nun auf einen Weihnachtstee meiner Frau umsteigen musste. Meine Stimmung war damit also schon am Morgen nicht mehr zu retten gewesen.
Damit ich dennoch etwas Sinnvolles tat, hatte ich den Computer angeschaltet und mir Gedanken gemacht, wie ich Klaus‘ Wette dennoch gewinnen konnte. Er hatte Recht, mir fiel wirklich nicht mehr allzu viel Kreatives ein. Die ersten Morde waren auch mehr intuitiv vonstattengegangen. Ich konnte nicht hoffen, weiterhin so leichte Opfer zu finden. Zumal die Eltern ihre Kinder inzwischen nicht mehr alleine aus dem Haus ließen und man nicht einmal mehr Jogger am frühen Morgen im Wald abfangen konnte. Es war ein Jammer! Wie sollte ich denn da eine Chance haben? Es waren einfach zu viele Morde in zu kurzer Zeit, die Klaus da von mir verlangte!
Nicht einmal das Internet bot anständige Ideen, wie ich schnell feststellen musste. Es gab zwar kuriose Todesfälle ohne Ende, doch keine Möglichkeit, diese Ideen in einem Mord umzusetzen. Amüsant allerdings fand ich, dass das Mädchen im Karussell nicht die erste Person war, die sich selbst durch einen Schal das Genick brach. Es war auch schon einer Frau passiert, deren Seidenschal sich in Autoreifen verfangen hatte. Dumm gelaufen, dachte ich mit einem Schmunzeln.
Ein russischer Dichter hingegen faszinierte mich. Er hatte sich selbst die Pulsadern aufgeschlitzt und anschließend mit seinem eigenen Blut ein Gedicht geschrieben:
Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen.

Unverlorner, ich vergesse nichts.
Vorbestimmt, so wars, du weißt, dies Gehen.
Da’s so war: ein Wiedersehn versprichts.

Hand und Wort? Nein, laß – wozu noch reden?

Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl.
Sterben -, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben;
doch: auch Leben gabs ja schon einmal.

Wirklich schön! Und auch ein bisschen inspirierend.
Richtig mies gelaufen war es für den Preisträger eines Wettessens, bei dem Kakerlaken und Würmer gegessen werden sollten. Seinen Preis, eine Python konnte er nicht mehr genießen, da er bereits vor dem Eingang des Restaurants zusammenklappte und starb. Ich seufzte. Es war ein Jammer. Da gab es noch echte Kämpfer und dann starben sie einfach so jämmerlich!

Ich schaltete den Computer wieder aus und setzte mich auf meinen angestammten Platz im Wohnzimmer, um einen meiner Krimis weiterzulesen. Vielleicht kam mir so eine neue Idee. Heute jedenfalls würde es nichts mehr mit einem Mord werden. Damit fiel ich bereits am sechsten Tag zurück!

____________________________________________________________________________________________
Das Gedicht stammt von Sergei Alexandrowitsch Jessenin, einem russischen Dichter, der 1925 im Alter von 30 Jahren Suizid beging.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s