5. Dezember 2013

Klaus sah mich entgeistert an, nachdem ich ihm von dem Vorfall am vergangenen Tag erzählt hatte. „Er ist gestolpert?“
Ich nickte, nahm einen Schluck von meinem Apfeltee und betrachtete meine Fingernägel. Sie mussten wieder geschnitten werden.
Wir saßen in der Küche. Ich hatte noch am Morgen das neue Regalbrett angebracht und darauf einige der Küchenutensilien abgestellt, die meine Frau auf der gesamten Anrichte verteilt hatte. Das hatte mich bereits seit Jahren genervt. Endlich hatte sich dafür eine Lösung gefunden! Ich hatte es richtig genossen, mir nicht einmal Gezeter anhören zu dürfen, dass das nicht ansprechend genug aussah und doch viel zu unpraktisch sei. Es war einfach herrlich!
„Es war dennoch Mord. Ich habe schließlich bewusst auf seinem Schnürsenkel gestanden.“
Klaus runzelte die Stirn, schüttelte dann aber den Kopf. „Meinetwegen. Du wirst die Wette dennoch verlieren.“
Plötzlich klingelte es an der Tür. Klaus und ich sahen uns verwundert an, da ich keinen Besuch erwartete. Mir war plötzlich schwindelig zumute. Hatte die Polizei etwa…?
„Geh schon gucken!“, zischte Klaus. Auch er sah deutlich mitgenommen aus, schien ebenfalls das Schlimmste zu befürchten.
Bevor ich mich jedoch dazu durchringen konnte, beschloss ich, durch die Vorhänge hindurch zu lugen. Auf der Treppe vor der Haustür stand ein kleiner Junge, vielleicht zwölf Jahre alt. Ich atmete auf. Weit und breit war kein Streifenwagen zu sehen.
Als ich die Haustür aufriss, schnappte der Junge erschrocken nach Luft und schaute mich mit großen Augen an.
„Was willst du?“, knurrte ich.
Der Junge klappte den Mund zu, mach ein paar stumme Bewegungen, bis endlich Worte daraus hervorpurzelten. „Wir sammeln in der Schule Geld für die Kinder in Afrika. Haben Sie vielleicht eine Spende?“ Schüchtern hielt er eine kleine Spardose hoch, ein pinkfarbenes Schwein, das dem Klappern nach zu urteilen bereits erstaunlich mit Münzen gefüllt sein musste.
„Aber sicher doch“, murmelte ich genervt. „Komm nur kurz herein, ich muss eben den Geldbeutel suchen und ich möchte ja nicht, dass du da draußen in der Kälte erfrierst. Ich öffnete die Tür noch weiter und ließ den Jungen eintreten. Er zögerte. Zu Recht, dachte ich bei mir. Der Junge weiß wohl, dass man Fremden nicht so einfach traut. Dann aber trat er doch ein und ich war enttäuscht. Vorbei war die Spannung!
Ich suchte in meiner Jacke nach der Geldbörse. Als ich sie fand und aufklappte, fiel ein unbenutztes Kondom heraus, das ich völlig vergessen hatte. Zu blöd, dachte ich. Das würde ich wohl so schnell nicht mehr brauchen.
Der Junge starrte das Kondom völlig verstört an. Ich lächelte entschuldigend, nahm einen der Scheine aus meiner Börse und steckte sie in seine Spardose. „Hier, bitte.“ Dann hob ich auch das Kondom auf und drückte es ihm in die Hand. „Das kannst du vielleicht auch brauchen.“ Dem Kleinen klappte der Mund auf und sein dümmlicher Gesichtsausdruck erinnerte mich an eine Aktion in meiner Jugend. „Hast du schon mal ein Kondom über den Kopf gezogen?“
Klaus war hinter mir in den Flur getreten und beobachtete uns. Ich sah, wie er die Stirn runzelte und sich ebenfalls erinnerte. „Probiere es aus“, ermunterte er den Jungen nun und lächelte. „Das ist ein einmaliges Erlebnis.“
Der Kleine nickte, wollte sich schon abwenden, hielt dann aber inne. „Kann ich es hier probieren? Wenn meine Mutter mich erwischen würde, wie ich ein Kondom benutze, das würde nur Theater geben.“
Ich lächelte verständnisvoll, schloss die Haustür und führte den Jungen in mein Wohnzimmer. Noch immer lagen Scherben von der Teetasse am Boden, für die ich mich entschuldigte. „Hier kannst du es machen. Du wirst staunen, wie sich das anfühlt. Man muss es allerdings ein paar Minuten aushalten, damit es die volle Wirkung erzielt.“
Klaus und ich sahen dem Jungen dabei zu, wie er das Kondom auspackte, unsicher damit spielte und das Material testete. Dann plötzlich zog er es wie eine Mütze über seinen Kopf. Augenblicklich spannte sich das rote Material, sein Gesicht wurde seltsam unförmig zusammengedrückt. Nach ein paar Sekunden merkte er, dass er keine Luft bekam und begann hektisch wieder das Kondom hochziehen zu wollen. Ich nahm seine Arme und hielt sie fest, war viel stärker als er und konnte ihn einfach zurückdrängen. Er versuchte etwas zu sagen, doch das Kondom verhinderte, dass er richtig sprechen konnte. Er zappelte immer verzweifelter. Klaus lachte.

Irgendwann spürte ich, wie der Junge zusammensackte, die Augen verdrehte und leblos in meinen Armen lag. Es war vorbei. Noch war er nur bewusstlos, doch nun würde nicht mehr viel passieren. Ich beschloss, ihn in die Gefriertruhe zu meiner Frau zu legen. Sie hatte sich schon immer ein Kind gewünscht gehabt.

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