4. Dezember 2013

Es war hoffnungslos gewesen, noch auf dem Weihnachtsmarkt nach einem Geschenk zu suchen. Sobald der Tod des Mädchens entdeckt wurde, brachen die Menschen in Panik aus. Es war eine Tragödie – und wurde am nächsten Tag auch als solche in der Zeitung kundgetan. Niemand glaubte an einen Mord. Auf eine Weise, die mich beunruhigte, ärgerte mich dies. Immerhin hatte die Idee schon an Genialität gegrenzt. Unauffällig und zugleich wirksam. Selbst Klaus hatte dies anerkannt.
So saß ich an diesem Abend zuhause und brütete vor mich hin. Vierundzwanzig Morde bis Weihnachten und ich hatte bisher gerade einmal drei begangen. Wie sollte ich genügend Ideen aufbringen? Ganz zu schweigen von den Skrupeln, die mich allmählich heimsuchten. Wie sollte ich damit umgehen? Ich wollte kein unmoralischer Mensch sein. Bisher waren meine Morde eher wahllos gewesen, wenn meine Wahl auch nie auf Unschuldige gefallen war. Das Mädchen hatte sich am Vortag über mich lustig gemacht, meine Frau hattem ich nicht ernst genommen. Und die Taubenfrau war schlichtweg verrückt gewesen. Damit hatte ich einfach nicht umgehen können. Doch wie sollte es nun weitergehen?
Ich nahm einen Schluck von dem frisch aufgebrühten Kaffee und starrte die weiße Wand vor mir an. Eines war klar: Ein Plan musste her. Wie sollte er aussehen? Diagramme? Tabellen? Eine Mind-Map? Nein, besser nicht. Daran war ich schon in der Schule immer verzweifelt, weil sie in unerklärlicher Unübersichtlichkeit geendet waren. Ich hatte schon immer Menschen bewundert, die eine Mind-Map aufzeichnen konnten, ohne sich darin selbst zu verlieren.
Ich blickte auf die Uhr, sah, dass der Stundenzeiger noch auf sechs Uhr Abend stand. Also genügend Zeit, um dem Baumarkt einen Besuch abzustatten. Ein Weihnachtsgeschenk für meine Nichte brauchte ich auch noch, erinnerte ich mich missmutig. Das würde bis zum nächsten Tag warten müssen.
Ich nahm die Haustürschlüssel vom Haken neben dem Garderobenständer, warf mir meine Winterjacke über und verließ das Haus. Es war bereits dunkel, weshalb ich mehr als verwirrt war, dass ich noch Zeit hatte zum Einkaufen. Der Winter brachte mich immer durcheinander…
Als mein Wagen auf den großen Parkplatz vor Obi fuhr, staunte ich darüber, wie viel Betrieb um diese Uhrzeit noch herrschte. Vielleicht lag es an der Jahreszeit, überlegte ich, war mir jedoch nicht sicher. Weihnachten trieb die Menschen schließlich nicht zum Häuserbau, sondern zum Truthahnfuttern und Plätzchenbacken. Was ein paar Eimer Farbe und ein paar Palletten Holz damit zu tun hatten, war mir ein Rätsel. Verwundert sah ich sogar ein Pärchen, dass Grillkohle auf seinem Einkaufswagen liegen hatte. Gab es wirklich so Verrückte?
Ich suchte die Abteilung mit dem Holz und fand bald ein Brett das meinen Vorstellungen entsprach, um ein passendes Regal an die Wand anzubringen. Allerdings war es etwas zu lang und musste noch zurechtgesägt werden. Deshalb wandte ich mich an einen der Angestellten, der in der Lage sein sollte, die Säge zu bedienen. Er war sofort hilfsbereit und führte mich zwei Regale weiter, wo sich eine Vorrichtung befand, in die er nur das Brett einklemmen musste. In einen Computer tippte er die gewünschte Größe und dann schauten wir beide zu, wie das Holzbrett automatisch auf die Länge gekürzt wurde, die ich benötigte. Ich seufzte bei dem Gedanken, dass ich mir so etwas nie würde leisten können. Es wäre ein Traum für mein Handwerkerherz. Andererseits würde somit vermutlich nicht nur viel anstrengende, sondern auch schöne Arbeit verloren gehen. Arbeit, die mich stets beruhigt und meine Gedanken besänftigt hatte.
„Ein tolles Gerät, nicht wahr?“, meinte der junge Mann neben mir. Er hatte die Begeisterung in meinen Augen gesehen. Ich nickte geistesabwesend.
„Können Sie mir zeigen, was man noch alles damit machen kann?“
Der Angestellte lächelte verständnisvoll, nahm das Brett aus der Halterung und drückte es mir in die Hand. Dann begann er auf den Tasten des Computers vor sich zu tippen. Die Kreissäge setzte sich augenblicklich wieder in Bewegung und bewegte sich langsam vor mir auf und ab. Ich trat einen Schritt vor, bemerkte irgendwo unbewusst, dass ich auf den Schnürsenkel des Mannes getreten war, hielt es jedoch nicht für relevant. Meine Faszination galt ganz diesem Werkzeug vor mir, das solche Kraft hatte. Aus reiner Neugierde hätte ich gerne hin gegriffen, mit den Fingern die Schärfe getestet. Eine mahnende Stimme, die seltsam nach der meines verstorbenen Vaters klang, hielt mich zurück. Ich hatte nicht das Bedürfnis, einen meiner Finger zu verlieren.

Es gab ein seltsames Knirschen, das Sägeblatt verlangsamte sich einen Moment. Ich runzelte die Stirn. Der junge Angestellte trat vor, um sich die Sache genauer anzusehen – oder besser: er versuchte es. Stattdessen stolperte er, da ich auf seinem Schnürsenkel stand. Erschrocken versuchte er sich noch mit den Händen abzustützen, doch es war bereits zu spät. Er prallte mit der Brust auf die Vorrichtung. Das Sägeblatt störte sich nicht an dem Widerstand, sondern fuhr ohne Mühe durch das weiche Fleisch, die Knochen knirschten. Noch ehe der Mann aufschreien konnte, war sein gesamter Oberkörper durchsägt worden. Ich starrte fasziniert auf die Schnittstellen, aus denen nun in Strömen das Blut floss und die Arbeitskleidung des Angestellten rot färbte. Im nächsten Moment nahm ich mein Holzbrett und beschloss, dass es das Beste war, nun zu verschwinden. Schnell sicherte ich mich noch ab, dass es keine Kameras gab, die die Sägestelle filmten. Da dies nicht der Fall war, drängte ich mich in die nächste Regalreihe, bevor mich jemand bei dem Toten sehen konnte, und eilte zur Kasse. Ein Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass es auch an der Zeit war, zu gehen. Der Baumarkt würde in den nächsten Minuten schließen.

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