3. Dezember 2013

Spaziergänger hatten die Frau am frühen Morgen entdeckt. Ich hörte den Bericht im Radio, während ich meinen Wagen auf einen Parkplatz in der Nähe der Innenstadt stellte. Die Radiomoderatoren klangen gleichermaßen schockiert wie fasziniert, während sie von den Funden erzählten.
Es war bereits früher Abend und mir grauste es bei dem Gedanken, mich in das Gewühl auf dem Weihnachtsmarkt zu drängen, doch ich hatte noch kein Geschenk für meine dreijährige Nichte. Normalerweise besorgte meine Frau alle Geschenke, doch unter den gegebenen Umständen fiel diese Aufgabe mir zu.
Ich quetschte mich durch die Menschenmassen und fragte mich, seit wann diese Märkte so beliebt waren, dass man sich bereits bei deren Eröffnung kaum einen Zentimeter fortbewegen konnte. Als ich ein Kinderkarussell erreichte, aus dem fröhlich nervige Weihnachtsmusik dudelte und auf dem Kinder glücklich jauchzten und ihre Fahrt genossen, blieb ich stehen. Die kleinen Feuerwehrautos und Rennautos drehten sich vor mir, während ich mich verzweifelt umschaute, wie ich wieder durch die Menge von hier verschwinden konnte. Es war hoffnungslos. Vielmehr drängten die Menschen mich weiter auf das Karussell zu, bis mir nach einem Ausfallschritt nichts anderes übrig blieb, als auf das sich drehende Fahrgeschäft zu klettern und mich mitzudrehen. Es war einfach zu komisch. Ich, derjenige, der Kinder wohl am meisten auf diesem ganzen Markt hasste, drängte mich nun zwischen die einzelnen Figuren, bis ich das Innere des Ringes erreichte. Der Betreiber des Karussells rief mir zu, dass ich mich setzen sollte, wenn ich schon unerlaubt auf das Fahrzeug geklettert war. Er hatte mitbekommen, dass ich nach vorne gestürzt war und keine andere Wahl gehabt hatte. Ich nickte ihm zu und suchte mir einen freien Platz, während mir leicht schwindelig von der Drehung wurde. Ein kleines Mädchen kicherte, meine ungelenken Bewegungen beobachtend. Ihr langer Schal, der sicherlich von ihrer Mutter so ordentlich um ihren Hals geknotet worden war, reichte bis auf den Boden.
Wut packte mich über die Unverfrorenheit dieses Kindes. Es war keine blinde Wut, wie ich ihn noch bei meiner Frau verspürt hatte. Vielmehr reagierte ich berechnender. Meine Augen folgten dem langen Schal bis zu dessen Ende, das nahe einer Schraube war, die am inneren Drehkreuz des Karussells angebracht war. Im Vorübergehen tat ich, als würde ich stolpern. Das Kind lachte noch mehr und drehte sich weg. Schnell nahm ich den Schal und befestigte ihn an der Schraube. Es war fester Stoff, der sich sofort verfing.
Hastig stand ich auf und ging weiter. Es dauerte ein paar Runden, bis das Mädchen feststellte, dass sich sein Schal verfangen hatte. Der Druck um ihren Hals wurde immer schlimmer, sie konnte nicht einmal mehr schreien. Sie bekam keine Luft, versuchte verzweifelt und ängstlich mit den Händen auf sich aufmerksam zu machen. Ihre Bewegungen unterschieden sich kaum von denen der anderen Kinder, die freudig jubelten und johlten. Ich hastete zu meinem Sitzplatz und wartete, bis das Karussell anhielt. Vor mir hörte ich ein Knacken und wusste, dass das Mädchen in diesem Moment leblos zusammensank. Die Schlinge um ihren Hals hatte sich zugezogen. Im selben Moment hörte das Karussell auf, sich zu drehen.

Als das Karussell hielt, stand ich eilig auf, warf noch einen Blick auf das Mädchen. Sie rührte sich nicht, die langen schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht und bedeckten ihre leblosen Augen. Ich lächelte, wusste, dass meine Arbeit für heute getan war. Dann erinnerte ich mich an das Geschenk für meine Nichte, dass ich noch besorgen musste und stahl mich davon, bevor jemand etwas von dem toten Mädchen bemerkte.

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