2. Dezember 2013

Ich stand am Ufer des Weihers, der in der Nähe meines Hauses lag. Eisig kalter Wind blies mir ins Gesicht, kleine Wellen brandeten ans Ufer, rauschten leise. Die Hände in den Taschen meiner Winterjacke überlegte ich, was am Vortag geschehen war. Es war ein heftiger Impuls gewesen, der mich dazu gebracht hatte, nach der Teetasse zu greifen. Meine Frau hatte mich gereizt und die Konsequenzen dafür zu tragen gehabt. Doch was hatte mich dazu bewegt, auf Klaus‘ Wette einzugehen?
War es Neugierde gewesen, die eigenen Grenzen auszutesten? Der Drang, mich zu beweisen? Ich ahnte, dass mehr dahinter steckte. Dass ich noch lange nicht wusste, wer ich eigentlich war und dies ein Weg war, der mich dieser Antwort ein Stück näherbringen würde.
Ich ging ein paar Schritte gedankenverloren, folgte dem Pfad der sich durch die schmalen Stämme schlängelte, deren Kronen karg und machtlos dem eiskalten Wind ausgeliefert waren. Zitternd drückte ich meine Arme fester an mich, versucht, mir selbst etwas mehr Wärme zu spenden. Vor mir sah ich eine einzelne Gestalt, ähnlich wie ich selbst in einen dicken Mantel gekleidet, das Gesicht von einem roten Schal und einer ebenso roten Mütze mit Bommel verhüllt. Sie bewegte sich, als würde sie einen Tanz aufführen, zu einer Musik die nur sie hören konnte. Tauben flogen um sie her, stoben immer wieder auf und schienen sich geradezu gegenseitig zu bekämpfen. Sie gurrten und schlugen mit ihren Flügeln, dass es mir den Magen umdrehte. Ich trat an die Gestalt heran, darauf bedacht, diesen wilden Tieren nicht zu nahe zu kommen.
„Was machst du da?“, fragte ich irritiert. Auch weil es mich verwunderte, dass ich den Fremden überhaupt ansprach. Als dieser aufblickte und mir in die Augen sah, erkannte ich die weichen Züge einer Frau. Soso, dachte ich, das war ja klar. Nur Frauen können sich so verrückt aufführen!
Die Fremde lächelte. „Ich füttere, die Tiere, sieht man das denn nicht?“
Erst jetzt fielen mir die vielen Körner auf, die überall verstreut lagen und um die sich die Tauben stritten. „Warum?“
„Es fühlt sich richtig an. Die Tauben sind genauso hungrig wie wir Menschen.“
Ich wollte den Kopf schütteln aufgrund solcher Ideen, hielt aber im letzten Moment inne. Sie brachte mich auf eine Idee. „Hast du Hunger schon einmal richtig gespürt?“
Sie schüttelte den Kopf. „Mir ging es immer gut.“
Ich nickte, kam auf sie zu, nahm ihr den großen Sack ab, der bei ihr lag und in dem sie die Körner transportiert hatte. „Willst du es mal spüren?“
Sie zögerte, dann nickte sie.
„Dann zieh deinen Mantel aus“, forderte ich. „Und den Pullover.“
Während sie dies tat, fragte ich, wie man einem Fremden so naiv vertrauen konnte. Diese Frau war merkwürdig. Und schön! Als sie ihr Oberteil auszog , sah ich ihren wohlgeformten Körper, den prallen Busen, die weiche Haut. Beinahe tat es mir Leid, was ich vorhatte. Doch längst schon war mein Entschluss gefasst, ihr zu helfen. Ich sah mich um, doch weit und breit war niemand zu sehen. Ich nickte. Ja, das war meine Gelegenheit.
Sie sah mich fragend an, ihre Arme schützend um sich geschlungen. Ich sah ihre Gänsehaut, hatte schon fast Mitleid. „Nehm ein bisschen Schnee und reib dich damit ein. Oder Wasser“, erklärte ich. „Das wird doch eiskalt!“, warf sie ein.
Ich zuckte mit den Schultern. „Wer hungrig ist, friert oft auch. Du willst es doch wissen, oder?“
Also tat sie, wie ich sie geheißen hatte. Als sie wieder aufsah und mich mit ihren großen, grünen Augen anfunkelte, die Zähne klappernd zusammenschlagend, lächelte ich. Mit einer ruckartigen Bewegung schleuderte ich einen Teil des Inhalts des Sackes in meinen Händen auf sie. Augenblicklich flogen die Tauben los, das Schlagen ihrer Flügel brutal und laut. Die Frau schrie auf, zunächst, weil die Körner ihr ins Gesicht flogen und sie schützend die Hände hob. Dann erkannte sie die Gefahr der Vögel, schrie noch lauter. Ihre Schreie hallten über den See. Ich schleuderte noch einmal mit den Körnern, wusste, dass noch Arbeit vor mir lag, hoffte, dass wirklich niemand in der Nähe war. Die Tauben wurden immer wilder, freuten sich über die unerwartete Nahrung.
Es dauerte einige Minuten, bis die Frau auf die Knie sank und kurz darauf bewusstlos am Boden lag. Die Arme blutüberströmt, die Haut aufgerissen von den wild nach ihr pickenden Tieren lag sie vor mir auf der gefrorenen Erde und rührte sich nicht mehr. Noch einmal streute ich Körner über sie, ließ die Tauben die restliche Arbeit erledigen, doch ich wusste, dass das Werk getan war. Nicht einmal ein Gesicht war von der Frau noch zu erkennen. Die rote Mütze mit dem Bommel und der Schal wirkten künstlich und fehl am Platz. Langsam saugten sie sich mit dem Blut voll, dass aus mehreren größeren Wunden floss.

Bevor ich mich angewidert abwandte, überprüfte ich noch einmal den Puls der Frau. Noch lebte sie, doch es würde nicht lange dauern, bis die Wunden und die Kälte ihre Arbeit vollrichtet hatten. Es dämmerte bereits und allzu bald würde hier niemand vorbeischauen. Dennoch beschloss ich, die Frau hinter einen Baum zu ziehen, damit sie nicht zu schnell entdeckt werden würde. Dann leerte ich den Sack, den sie bei sich gehabt hatte, endgültig bei ihr aus und entfernte mich langsam, mit dem Gedanken, ob sich Klaus mit meinem Werk zufrieden geben würde.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s