1. Dezember 2013

Es war ein stürmischer erster Dezember. Die weißen Flocken wirbelten vor meinem Fenster auf und ab, kamen gar nicht mehr zur Ruhe. Das ging schon seit Stunden so. Ich saß mit meiner Frau vor dem Fernseher, eine warme Tasse Tee in den Händen, und blickte verstört auf das Flimmerbild im Fernseher. Wieso musste dieses Unwetter ausgerechnet heute kommen? Wieso überhaupt? Wem nützte es denn, in sein Haus gesperrt zu sein?
Meine Frau saß wie immer in ein Buch vertieft da, nichts bemerkend von der Welt um sie herum, geschweige denn davon, dass ich beinahe verzweifelte. Diese verdammte Technik würde mich nochmal um den Verstand bringen, dachte ich, als ich die Tasse auf den kleinen Wohnzimmertisch stellte und mich erhob, um dem Fernseher einen Klaps zu geben. Vielleicht würde das ja helfen. Die Bewegung, die ich gemacht hatte, brachte meine Frau aus ihrer Konzentration. Sie sah auf. „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Ihre ruhige, ahnungslose Stimme machte mich wahnsinnig. Wortlos deutete ich auf den Kasten vor uns, der lediglich ein paar graue Streifen hervorbrachte, die sich auf und ab bewegten. Hätte ich auch nur einen Ton gesagt, das wusste ich, hätte ich eingeschnappt geklungen. Etwas, was meine Frau an mir hasste.
Ihre Augen folgten meinem ausgestreckten Arm, bis sie das Problem erkannten. Sie seufzte. „Schalt das Teil einfach aus, heute wird das sowieso nichts mehr.“ Diese Selbstverständlichkeit mit der sie das sagte, stürzte eine Mauer in mir ein, die ich jahrelang wohlwissend aufgebaut hatte. Es war eine Mauer, die meine unkontrollierten Wutausbrüche zurückhalten sollte. Unkontrolliert deshalb, weil ich meistens aus einem Impuls heraus mit dem erstbesten Gegenstand um mich warf, den ich ausfindig machen konnte. In diesem Fall war es die Teetasse, die ich gerade erst abgestellt hatte. Sie traf die Schläfe meiner Frau, die gar nicht wusste, wie ihr geschah, mit einer solchen Wucht, dass sie daran zersprang. Verwundert und, ich muss es zugeben, auch ein bisschen fasziniert starrte ich auf die Scherben, die sich überall verteilten. Der heiße Tee, den ich noch nicht getrunken hatte, spritzte über das Gesicht meiner Frau. Diese verdrehte die Augen und sank bewusstlos in sich zusammen. Ich starrte auf die Platzwunde direkt unter dem Haaransatz dieses Menschen, den ich doch so sehr liebte. Noch immer spürte ich etwas von meiner eigenen Verwunderung über diesen Ausbruch. Erst langsam gesellte sich der Schreck dazu, floss in sanften Wellen meine Arme hinab und bereitete mir eine Gänsehaut.
„Tut mir Leid“, stotterte ich, als könnten meine Worte die Tat ungeschehen machen. Vorsichtig – ich hatte nur Socken an – näherte ich mich dem leblosen Körper meiner Frau, darauf bedacht in keine der Scherben zu treten. Ich beugte mich hinab, untersuchte die Wunde. Meine Hand fuhr zur Halsschlagader, tastete nach einem Puls. Keiner da, dachte ich verwundert. Ganz klar. Sie ist tot.
Es dauerte einen Moment, bis mir die Konsequenzen dieses Umstandes bewusst wurden. Oh weh, dachte ich schließlich. Ich weiß gar nicht, was ich jetzt mit ihr machen soll.
Ich beschloss, Klaus anzurufen und nahm mein Mobiltelefon vom Wohnzimmertisch. Mein bester Freund wusste immer einen Rat.
„Heinrich?“, tönte bereits nach dem ersten Klingeln die Stimme meines Freundes aus dem Hörer.
„Klaus“, sagte ich, „wo kann ich die Leiche meiner Frau verstecken?“

Zehn Minuten später hatte Klaus mir dabei geholfen, den noch nicht einmal kaltgewordenen Körper meiner Frau in der Tiefkühltruhe in meinem Keller zu verstauen. Ich schwitzte.
„Hast du Hunger?“, fragte ich und blickte auf die beiden Salamipizzen, die nicht mehr in die Truhe gepasst hatten.
Klaus nickte. Wir gingen in die Küche, schoben das gefrorene Essen in den Ofen und setzten uns an den Küchentisch. Es herrschte Schweigen. Sogar in meinen Gedanken. Ich konnte an gar nichts Denken. Nun, da endlich einmal Stille in die Wohnung eingekehrt war und meine Frau nicht sinnlos auf mich einredete, schwieg sogar mein Kopf.
Plötzlich kamen Stimmen aus dem Wohnzimmer. Ich brummte. „Der Fernseher“, erklärte ich Klaus, der mich fragend ansah.
Als ich die beiden Pizzen nach fünfzehn Minuten auf den Tisch stellte und Klaus und ich uns hungrig bedienten, meinte er: „Warum eigentlich die Teetasse? Ist dir nichts Besseres eingefallen?“
Überrascht sah ich ihn an. „Sie stand eben direkt neben mir.“
Klaus schüttelte missbilligend den Kopf. „Wenn ich eine Frau hätte, die ich umbringen könnte, würde ich es nicht mit der Teetasse machen. Schon gar nicht, wenn noch guter Tee darin wäre.“
„Tee ist auch nur so ein wässriges Gesöff“, warf ich gekränkt ein.
„Na wenn schon! Weißt du, ich glaube, diese Ehe hat dich deiner Kreativität beraubt. Du kannst dir ja nicht einmal mehr ein paar spannende Wege ausdenken, jemanden zu töten.“
„Unsinn. Ich habe das doch nicht geplant.“
„Umso schlimmer!“
Klaus machte mich erneut wütend. Allerdings hatte ich noch ein letztes Stück Pizza in der Hand, dass ich mir gerade in den Mund schieben wollte. Vielleicht sein Glück. Für mich hatte es zur Folge, dass ich mich auf diese wahnsinnige Wette einließ, die er mir einen Moment später vorschlug.

„Wetten, dass dir keine 24 Methoden einfallen, wie du einen Menschen auf wirklich innovative Weise umbringen kannst?“

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